Für Unternehmen wird es immer schwieriger, Fachkräfte zu finden und zu halten. Abhilfe schaffen innovative Lösungen, die bei der Personalsuche sowie bei der gezielten Qualifizierung bestehender Mitarbeitender zum Einsatz kommen. Auch drei junge Unternehmen aus Köln haben es sich zum Ziel gesetzt, den Markt aufzumischen.
Ob demografischer Wandel, unzureichende Zuwanderung und Integration qualifizierter Arbeitskräfte aus dem Ausland, neue Kompetenzbedarfe oder veraltete Aus- und Weiterbildungssysteme: Die Ursachen für den Fachkräftemangel in Deutschland sind vielfältig. Trotz Maßnahmen seitens der Politik bleibt die Lücke weiterhin groß. Derzeit fehlen am deutschen Arbeitsmarkt mehr als eine halbe Million qualifizierte Kräfte. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in der Studie „Die Kosten des Fachkräftemangels“ aus dem Jahr 2024. Das bereitet nicht nur Personalern Kopfzerbrechen, sondern hat auch einen negativen Einfluss auf unsere Volkswirtschaft.
Wie die IW-Studie deutlich macht, könnte das Produktionspotenzial in Deutschland erheblich höher liegen, wenn Unternehmen ihren Fachkräftebedarf decken könnten. Wären beispielsweise im Jahr 2024 alle freien Stellen besetzt worden, hätte sich ein Plus von etwa 1,1 Prozent bzw. rund 50 Milliarden Euro in Bezug auf das Produktionspotenzial ergeben. Die Folge im Umkehrschluss: ein massives Defizit, das einen hohen wirtschaftlichen Verlust nach sich zieht.
Der Blick in die Zukunft gibt wenig Anlass zur Hoffnung, im Gegenteil. Der Fachkräftemangel wird sich in den kommenden Jahren noch weiter verschärfen, auch weil Mitarbeitende der sogenannten Babyboomer-Generation nach und nach in den Ruhestand gehen. Blickt man erneut auf das jährlich verlorene Produktionspotenzial, dürften sich die Kosten des Fachkräftemangels laut IW-Studie im Jahr 2027 bereits auf etwa 74 Milliarden Euro belaufen und somit noch um ein Vielfaches höher liegen, als es derzeit der Fall ist.
Für Arbeitgeber bedeutet diese düstere Prognose wiederum: Nur wer es schafft, offene Stellen zu besetzen, kann sich langfristig einen entscheidenden ökonomischen Vorteil gegenüber dem Wettbewerb sichern. Um dieser Herausforderung zu begegnen, greifen Unternehmen immer häufiger auf innovative technische Lösungen zurück. Das Ziel ist, einerseits die interne Qualifizierung von bestehenden Mitarbeitenden für spezifische Anforderungsprofile zu erleichtern und andererseits passgenaue Bewerberinnen und Bewerber für offene Stellen zu finden und einzustellen.
Interne Talentförderung
im Fokus
Im sogenannten Re- und Upskilling liegt für Unternehmen ein ganz zentraler Hebel, um ihre Fachkräfte, die bereits im Unternehmen sind, zu entwickeln und gleichzeitig an sich zu binden. Dabei werden Mitarbeitende gezielt ausgebildet (Reskilling) bzw. weitergebildet (Upskilling), um neue, im Unternehmen benötigte Fähigkeiten zu erlangen. Der erste Schritt ist die Bestandsaufnahme: Welche Positionen sind bereits passend besetzt und welche nicht? Wo werden sich in absehbarer Zeit Vakanzen ergeben? Welche zusätzlichen Bedarfe dürften künftig entstehen, beispielsweise durch die fortschreitende Digitalisierung oder organisationale Veränderungsprozesse?
Moderne Tools zum ganzheitlichen Talentmanagement unterstützen heute bei der Analyse, welche Mitarbeitenden welche Entwicklungspotenziale und Kompetenzen mitbringen und demnach für ein Re- oder Upskilling infrage kommen. Sie ermöglichen es außerdem, die individuellen Entwicklungen im Zeitverlauf zu verfolgen, und weisen die Personalabteilung frühzeitig auf Möglichkeiten zur Nachbesserung oder Kommunikationsbedarfe hin.
EdTech aus der Domstadt
Unternehmen mit Sitz in Köln und Umgebung, die nach internen Weiterbildungstools suchen, müssen nicht weit blicken. Auch die Domstadt bietet ein geeignetes Umfeld für Startups, die das Re- und Upskilling revolutionieren wollen. Eines von ihnen ist DeepSkill. Das junge Education-Technology(EdTech)-Unternehmen bietet intelligente Lösungen für die interne Talententwicklung. Mithilfe algorithmenbasierter Konfiguration erhalten Personalverantwortliche individualisierte Lernpfade für ihre Organisation. Durch gezieltes Blended Learning, bei dem Selbstlernen, Training und Coaching Hand in Hand gehen, werden Fach- und Führungskräfte in relevanten Fähigkeiten wie kritischem Denken, Agilität und Zusammenarbeit geschult. Das selbsternannte Ziel von DeepSkill: eine menschenzentrierte Führungskultur in Unternehmen zu etablieren und eine menschlichere Arbeitswelt aktiv mitzugestalten.
Das Geschäftsmodell birgt Potenzial: So erhielt das Startup unter der Leitung von CEO und Co-Founder Miriam Mertens im vergangenen Jahr Wachstumskapital in Höhe von 1,5 Millionen Euro von Investoren sowie Forschungszulagen für Tech-Entwicklungen des Bundesministeriums für Wirtschaft. Darüber hinaus wurde DeepSkill für das Förderprogramm Kölner Rahmen [AI Innovations] von der KölnBusiness Wirtschaftsförderung ausgewählt. Mithilfe der neuen Finanzierung sollen künftig zusätzliche Features entwickelt werden, die die Lernerfahrung und Effektivität der Trainings weiter verbessern – auch durch KI-optimierte Lernpfade.
Künstliche Intelligenz
im Recruiting
Wenn die interne Aus- oder Weiterbildung keine passenden Maßnahmen sind, um die im Unternehmen erforderlichen Kompetenzen aufzubauen, können innovative Tools bei der Suche nach neuen Mitarbeitenden helfen. Auch in diesem Bereich hat die Kölner Startup-Szene bereits junge Firmen hervorgebracht, die den Markt der KI-basierten Personalsuche maßgeblich mitgestalten wollen. Dazu gehört das im Jahr 2020 von Marco Verhoeven und Justin Bous gegründete Unternehmen catchHR, das mit der KI-Lösung KIRA eine Plattform für automatisiertes und effizientes Recruiting bietet. Von der Stellenausschreibung bis zum Screening werden alle wichtigen Schritte automatisiert. „KIRA ist mit Daten führender Recruiter trainiert und automatisiert den gesamten Hiring-Prozess – von der Ansprache bis zur Vorauswahl“, erklärt catchHR-Co-Founder Marco Verhoeven das Prinzip, das dahintersteckt. So entstehe Recruiting, das messbar bessere Neueinstellungen bringe.
Mithilfe sogenannter autonomer KI-Agenten (Agentic-AI-Technologie), die in der Lage sind, selbstbestimmt Aufgaben auszuführen und selbstständig Entscheidungen zu treffen, wird nach Angaben von catchHR der manuelle Aufwand für das Recruiting-Team um bis zu 90Prozent reduziert und die durchschnittliche Zeit, die es benötigt, um eine offene Position zu besetzen (Time-to-hire), um 66Prozent verkürzt. Dabei berücksichtigt KIRA nicht nur die fachlichen Qualifikationen der Bewerberinnen und Bewerber, sondern auch ihre aus der Bewerbung zu entnehmenden Persönlichkeitsmerkmale und den damit verbundenen kulturellen Fit zum Unternehmen.
Objektive und fairere
Auswahl
Auf die datengestützte Suche nach jungen Talenten hat sich wiederum das Kölner Startup Candidate Select spezialisiert. Ein Recruiting-Algorithmus setzt dabei Ausbildungsstationen, Abschlussnoten und Berufserfahrung von derzeit mehr als 130.000 Studierenden sowie Absolventinnen und Absolventen, die im Talentpool von Candidate Select registriert sind, miteinander ins Verhältnis. Über einen Score werden die Daten anschließend aufbereitet und vergleichbar gemacht. Das hilft Personalverantwortlichen, einfacher und schneller passende Talente zu finden. Darüber hinaus werden sie in die Lage versetzt, fairere Einstellungsentscheidungen zu treffen – und somit eine mögliche Diskriminierung aufgrund von persönlichen Merkmalen wie Herkunft, Alter oder Geschlecht von vornherein auszuschließen. Der Recruiting-Algorithmus von Candidate Select bietet Unternehmen demnach die Chance, eine objektive und auch im Nachhinein datenbasiert überprüfbare Auswahl an Kandidatinnen und Kandidaten vorzunehmen und mögliche Ungleichbehandlung bei internen Personalauswahlprozessen konsequent abzubauen und zu vermeiden.
(Maike Walter)
