Während weltweit in neue Technologien der biomedizinischen Forschung investiert wird, droht Deutschland den Anschluss zu verlieren. Die EU sowie Länder wie die USA, Großbritannien oder die Niederlande schaffen bereits gezielt die Rahmenbedingungen für einen neuen Wachstumsmarkt, während in Deutschland klare politische Strategien und ausreichende Förderprogramme fehlen.
Hierzulande wird unter anderem in der Grundlagenforschung und Medikamententestung weiterhin stark auf Tierversuche gesetzt – obwohl kein Tierversuchsergebnis prospektiv auf Menschen übertragen werden kann. Für den Pharma- und Biotechnologiestandort Deutschland könnte diese Entwicklung erhebliche wirtschaftliche Konsequenzen haben.
Studien zeigen, dass über 99 Prozent der Tierversuchsergebnisse aus der Grundlagenforschung sich nicht einmal retrospektiv auf Menschen übertragen lassen, die weniger als 1 Prozent führen auch nicht zu einem kausalen klinischen Nutzen. Zudem scheitern über 90 Prozent der im Tierversuch als erfolgreich getesteten Medikamente in den klinischen Studien – überwiegend aufgrund mangelnder Wirksamkeit oder unerwarteter Nebenwirkungen. Gleichzeitig bleibt unklar, welche potenziell wirksamen Substanzen im Tierversuch fälschlicherweise aussortiert werden. Wegen der erheblichen biologischen Unterschiede zwischen den Spezies gelten Tiere als unzuverlässige Modellsysteme für den Menschen.
Humanbasierte Forschungsverfahren im Aufwind
Vor diesem Hintergrund gewinnen humanbasierte Forschungsverfahren rasant an Bedeutung. Technologien wie Organoide, Multi-Organ-Chips, computergestützte Modelle und KI ermöglichen es, anders als der Tierversuch, menschliche Krankheitsprozesse abzubilden und Forschungsdaten präzise auszuwerten — was auch eine personalisierte Medizin ermöglicht. Internationale Pharma- und Biotechnologieunternehmen investieren zunehmend in diese Ansätze, um Risiken zu erkennen und Entwicklungszeiten sowie die hohen Kosten für die klinischen Studien zu senken.
Für die Wirtschaft entsteht daraus ein neuer Milliardenmarkt. Neben der Arzneimittelentwicklung wachsen lukrative Geschäftsfelder für Softwareunternehmen, KI-Anbieter, Gerätehersteller und Biotechnologieunternehmen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an hoch qualifizierten Fachkräften und interdisziplinären Forschungsnetzwerken.
Auch Fragen der Investoren gewinnen an Bedeutung. Der in Köln ansässige Dachverband Kritische Aktionäre fordert einen strategischen Wandel in der Pharma- und Chemieindustrie hin zu humanrelevanten Methoden. In einem aktuellen Statement zu Siemens Healthineers kritisiert der Verband die Nutzung tierbasierter Antikörperproduktion trotz verfügbarer humanbasierter Methoden. Der wissenschaftliche Verein Ärzte gegen Tierversuche e. V. hat mit der NAT-Database eine Datenbank für tierversuchsfreie und humanbasierte Methoden entwickelt. Ergänzt wird sie durch NATworks, ein Netzwerk zur Vernetzung von Wissenschaft, Wirtschaft und Regulierungsbehörden. Solche Plattformen erhöhen die Transparenz über verfügbare Technologien und erleichtern Kooperationen zwischen Forschung und Industrie.
Deutschland bleibt hinter der Entwicklung zurück
Humanbasierte Verfahren sind schneller, skalierbar und kosteneffizienter. Damit wird neben der wissenschaftlichen Validität zunehmend auch die ökonomische Effizienz zum entscheidenden Kriterium in der Methodenwahl der Industrie.
Dennoch bleibt die politische Rahmensetzung in Deutschland hinter internationalen Entwicklungen zurück. Während andere Länder gezielt Förderprogramme für New Approach Methodologies aufbauen, fehlt hierzulande eine vergleichbare industriepolitische Gesamtstrategie. Das Risiko besteht darin, dass Patente und Unternehmensgründungen zunehmend ins Ausland abwandern.
Die Leitfrage lautet daher nicht mehr, ob sich humanbasierte Forschung durchsetzt, sondern wo ihre wirtschaftliche Wertschöpfung entsteht. Wer heute in moderne Forschungsinfrastrukturen, digitale Biotechnologie und KI-gestützte Medikamentenentwicklung investiert, sichert sich die Märkte der Zukunft.
Infos und Wissenschaftliche Studien:
www.aerzte-gegen-tierversuche.de
www.nat-database.de, www.nat-works.de
www.ttv-datenbank.de
Eugen Weis
