Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton, Geschäftsführer in vierter Generation, über 75 Jahre Wälzwagen-Kompetenz, den Fehmarnbelt-Tunnel als größtes europäisches Infrastrukturprojekt seit dem Ärmelkanal – und warum tonnenschwere Lasten sich mit wenig Kraft bewegen lassen.
Die Wirtschaft: Herr Börkey, Ihr Unternehmen existiert seit 1945. Wie erklärt man einem Außenstehenden, was die Börkey GmbH eigentlich macht?
Thomas Börkey: Das ist tatsächlich eine Frage, die ich schon oftmals beantworten musste. Ich sage dann immer: Stellen Sie sich vor, Sie müssen eine 500-Tonnen-Maschine durch eine Fabrikhalle schieben – ohne Kran, ohne riesigen Aufwand. Genau dafür sind wir da.
Konkret: Wir entwickeln und produzieren Spezialgeräte für den Transport schwerster Lasten. Das Herzstück ist der Wälzwagen – ein mechanisches Flurfördergerät, bei dem die Last auf einer Rollenkette abrollt. Die Rollen, die hinten frei werden, wandern automatisch wieder nach vorn unter die Last. Dieses Prinzip klingt einfach, aber es ist hohe Ingenieurskunst. Und es funktioniert – seit 1951, als mein Urgroßvater das erste Serienmodell auf den Markt brachte. Dazu kommen Schwerlasträder und Rollenfahrwerke – also Räder und Fahrwerke für Kräne, Industrieanlagen, Werften, Flugplätze. Alles Made in Germany, alles aus Hagen.
„Das Prinzip klingt einfach, aber es ist hohe Ingenieurskunst – und es funktioniert seit 1951.“
Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton über den Wälzwagen Express
Die Wirtschaft: 1945 gegründet, 2026 noch immer in Familienbesitz – was ist das Geheimnis dieser Kontinuität?
Thomas Börkey: Ich glaube, es ist die Kombination aus Bodenständigkeit und dem Mut, immer wieder neu zu denken. Mein Urgroßvater hat das Unternehmen nach dem Krieg in Hagen aufgebaut – mit dem klaren Ziel, etwas Nützliches zu bauen, das wirklich gebraucht wird. Wälzwagen braucht man beim Bau von Brücken, beim Transport von Hochöfen, bei der Verschiebung von Sporthallen. Das ist kein Modeprodukt – das ist Substanz.
Was uns als Familienunternehmen auszeichnet: Wir denken in Generationen, nicht in Quartalen. Ich kenne jeden Mitarbeiter beim Namen. Unsere Kunden wissen, dass sie uns direkt anrufen können – nicht ein Callcenter. Aufgrund unserer flachen Hierarchien erreichen unsere Kunden mich auch sehr schnell persönlich über alle gebräuchlichen Kommunikationskanäle, egal ob Telefon, E-Mail, Messenger Dienst oder Videocall. Diese Verlässlichkeit ist in unserer Branche Gold wert. Große Bauprojekte können sich keine Lieferausfälle leisten und wir können aufgrund unserer Firmengröße viele Dinge unbürokratisch möglich machen.
Und: Wir sind 100 Prozent in Familienbesitz. Das gibt uns Freiheit. Freiheit, zu investieren, wenn es sinnvoll ist, und Nein zu sagen, wenn etwas nicht zu uns passt.
Die Wirtschaft: Kommen wir zu einem Projekt, das derzeit ganz Europa bewegt: Der Fehmarnbelt-Tunnel. Börkey ist daran beteiligt. Was genau ist Ihre Rolle bei diesem Megaprojekt?
Thomas Börkey: Der Fehmarnbelt ist tatsächlich eines der faszinierendsten Projekte, an denen wir je beteiligt waren. Wenn man fertig ist, wird das der längste Absenktunnel der Welt sein – 18 Kilometer unter der Ostsee, kombiniert für Straße und Schiene. Eine Verbindung, die Skandinavien und Mitteleuropa zusammenwachsen lässt.
Unsere Wälzwagen kommen bei der Produktion der 200m langen Tunnelelemente zum Einsatz, von denen jedes einzelne 73.000 Tonnen wiegt.
Es ist ein unglaubliches Gefühl zu wissen, dass Produkte aus Hagen Teil dieses Bauwerks sind, das auf 120 Jahre Nutzungsdauer ausgelegt ist. Und das in einem Projekt, das in seiner Bedeutung für Europa mit dem Eurotunnel verglichen wird.
„Produkte aus Hagen sind Teil eines Bauwerks, das auf 120 Jahre ausgelegt ist – das ist ein unglaubliches Gefühl.“
Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton über die Beteiligung am Fehmarnbelt-Tunnel
Fehmarnbelt-Tunnel: Die Fakten
| Länge: | 18 Kilometer (längster Absenktunnel der Welt nach Fertigstellung) |
| Typ: | Kombinierter Straßen- und Eisenbahntunnel (Absenktunnel) |
| Verbindung: | Puttgarden (Deutschland) – Rodbyhavn (Dänemark) |
| Baustart: | 2020 (dänische Seite), 2021 (deutsche Seite) |
| Geplante Eröffnung: | ca. 2031 (Bahn: 2032) |
| Gesamtkosten: | ca. 7,9 Milliarden Euro |
| Tunnelelemente: | je 217 m lang, je 73.000 Tonnen schwer |
| Nutzungsdauer: | 120 Jahre ausgelegt |
| Förderung: | EU-Prioritätsprojekt (TEN-V Korridor) |
Die Wirtschaft: Wie bringt man eine Last, die 73.000 Tonnen wiegt, in Bewegung – und was hat der klassische Wälzwagen damit zu tun?
Thomas Börkey: Eines vorweg: Bei diesem Projekt verschieben unsere Wälzwagen nicht die fertigen Tunnelelemente, auch wenn sie das problemlos könnten. Unsere Produkte werden im Werk zur Herstellung der Tunnelelemente eingesetzt, das eigens hierfür vor Ort errichtet wurde.
Nun zu Ihrer Frage: Das Prinzip des Wälzwagens ist eigentlich uraltes Wissen – schon beim Bau der ägyptischen Pyramiden wurden tonnenschwere Steine auf Holzrollen verschoben. Der entscheidende Unterschied beim Wälzwagen: Die Rollen sind zu einer Kette zusammengefügt. Die hintere Rolle, die frei wird, kommt automatisch wieder vorn unter die Last. Kein Mensch muss sie manuell umsetzen.
Was das bedeutet?: Erstens ist der Transport sicherer – kein Unfallrisiko durch herumrollende lose Rollen. Zweitens ist er kontinuierlicher und effizienter. Und drittens – das ist das Schöne an der Physik – braucht man bei großen Rollendurchmessern unter idealen Bedingungen weniger als drei Prozent der Gesamtlast als Antriebskraft. Drei Prozent! Eine 100-Tonnen-Maschine bewegt man also mit drei Tonnen Kraft. Das ist kaum zu glauben, aber es ist Physik.
Bei Projekten wie dem Fehmarnbelt kommen dann noch Speziallösungen hinzu: Rollenfahrwerke auf Kranschienen, Schwerlasträder für Präzisionsbewegungen. Jede Anwendung ist anders, aber das Grundprinzip – Reibung minimieren, Kraft maximieren – ist immer dasselbe.
„Drei Prozent der Last als Antriebskraft – eine 100-Tonnen-Maschine bewegt man also mit drei Tonnen Kraft. Kaum zu glauben, aber Physik.“
Thomas Börkey-Baron Girard de Soucanton über das Funktionsprinzip des Wälzwagens
Bildquelle Börkey GmbHDie Wirtschaft: „Von Hagen in die ganze Welt“ – das klingt wie ein Versprechen. Welche Projekte weltweit haben Sie in den letzten Jahren besonders beeindruckt?
Thomas Börkey: Die Liste ist lang, und ich bin jedes Mal aufs Neue begeistert, was mit unseren Produkten alles bewegt wird. Bildlich gesprochen.
Da war die Brücke in Auckland, Neuseeland – wir lieferten Wälzwagen für eine Brückenverschiebung am anderen Ende der Welt. Da war das Stahlwerk in China – ein riesiger Hochofen wurde auf unserem Rollensystem verschoben. Da war das CERN in der Schweiz – physikalische Großgeräte, die mit höchster Präzision positioniert werden mussten. Oder Sporttribünen in Deutschland, die saison- oder eventabhängig verschoben werden.
Was mich persönlich am meisten fasziniert: Egal ob Auckland oder Antwerpen, ob Kernkraftwerk oder Brückenbau – das Grundprinzip ist immer unser Wälzwagen Express, entwickelt in Hagen. Das ist eine Art stille Weltkarriere.
Und der Fehmarnbelt ist dann noch einmal eine ganz eigene Kategorie. Das ist das größte Infrastrukturprojekt in Europa seit dem Eurotunnel unter dem Ärmelkanal. An so etwas beteiligt zu sein – das ist nicht selbstverständlich für ein mittelständisches Familienunternehmen aus Hagen.
Die Wirtschaft: Börkey ist bekannt für Sonderkonstruktionen. Wo hört das Standardprodukt auf und wo fängt die Maßanfertigung an?
Thomas Börkey: Das ist eine wunderbare Frage, weil sie das Herz unserer Arbeit trifft. Wir haben natürlich unsere Standardmodelle – von Modell N für mittlere Lasten bis Modell Z für extreme Punktlasten im Brückenbau. Diese Standardprodukte sind bewährt, einfach zu bestellen und sofort verfügbar.
Aber dann gibt es die anderen Projekte. Wenn ein Kunde anruft und sagt: Ich muss einen BOP (Blow-Out Preventer) auf einer Bohrinsel bewegen, bei einer Temperatur von minus 20 Grad in höchst korrosiver Umgebung mit langen Stillstandszeiten zwischen den Verschiebungen und 100%-iger Funktionsfähigkeit im Notfall – dann fängt es an, spannend zu werden. Unsere Konstrukteure setzen sich dann hin und entwickeln eine Lösung. Sonderkonstruktionen machen einen erheblichen Teil unseres Geschäfts aus.
Die Spannweite reicht von kleinen Modifikationen – anderes Material, besondere Oberflächenbehandlung – bis hin zu völlig neuen Fahrwerkkonstruktionen für spezifische Schienensysteme. Minimalste Bauhöhen bei gleichzeitig hoher Tragfähigkeit ist zum Beispiel etwas, das viele Kunden zwingend benötigen. Das klingt unspektakulär, ist aber technisch immer anspruchsvoll.
Die Wirtschaft: Wie sehen Sie die Zukunft der Schwerlastverschiebtechnik? Digitalisierung, Automatisierung – wo geht die Reise hin?
Thomas Börkey: Die Grundphysik ändert sich nicht. Eine Tonne bleibt eine Tonne, und das Gesetz der Reibung gilt auch in 50 Jahren noch, das lässt sich nicht wegdigitalisieren. Aber die Anforderungen an Präzision, Dokumentation und Integration in digitale Bauprozesse, steigen erheblich.
Was wir bereits sehen: Kunden wollen nicht mehr nur das Produkt kaufen, sie wollen technische Beratung, CAD-Dateien, Laststudien, Einbauunterstützung. Das engineering know-how wird wichtiger als das Produkt selbst. Das ist eine Verschiebung, auf die wir uns aktiv vorbereiten. Leider steigt auch der Grad der Bürokratisierung, was uns als KMU natürlich besonders trifft. Manchmal hat man das Gefühl, das Papier sei wichtiger als das Produkt.
Automatisierte und motorisierte Fahrwerke sind ebenfalls ein wachsendes Thema – insbesondere für Anwendungen, bei denen Lasten regelmäßig und präzise bewegt werden müssen, etwa in Werften oder auf Flugplätzen. Wir beobachten den Markt sehr genau.
Was sich nicht ändern wird: der persönliche Kontakt, die individuelle Lösung, die Qualität Made in Germany. Das ist unser Fundament – und das bleibt es.
Die Wirtschaft: Letzte Frage: Was treibt Sie bei Ihrer täglichen Arbeit an?
Thomas Börkey: Ich würde sagen: Der tägliche Umgang mit echten Situationen, also keinen simulierten Problemen im Planungsbüro. Wo jemand anruft und sagt: Wir müssen in drei Wochen einen 200-Tonnen-Transformator durch eine Türöffnung bewegen, die nur 200 Millimeter zusätzlichen Platz in der Höhe aufweist – was macht ihr?
Bei uns gibt es keine Lösungen von der Stange. Jedes Projekt ist ein bisschen ein Rätsel, das man lösen darf. Und wenn man dann später auf Nachrichten stößt, dass die Brückenverschiebung in der Schweiz oder der Tunnel-Rohbau am Fehmarnbelt abgeschlossen ist – und man weiß, dass man daran mitgewirkt hat – das ist ein Gefühl, das kein Aktienpaket ersetzen kann.
Außerdem: Familienunternehmen bedeutet nicht verstaubt. Es bedeutet: Jede Idee zählt, jeder Mitarbeiter zählt, und man kann tatsächlich etwas bewegen – im wörtlichsten Sinne des Wortes.
Börkey GmbH – auf einen Blick
| Gegründet: | 1945 in Hagen (Nordrhein-Westfalen) |
| Geschäftsführung: | Thomas Börkey (4. Generation) |
| Produkte: | Wälzwagen, Schwerlasträder, Rollenfahrwerke, Sonderkonstruktionen |
| Besonderheit: | Erfinder des Wälzwagen Express (1951) |
| Fertigung: | 100 % Made in Germany |
| Eigentümer: | 100 % Familienbesitz |
| Einsatz: | Brückenbau, Stahlindustrie, Werften, Flugplätze, Kerntechnik, weltweit |
| Referenzprojekte: | Fehmarnbelt-Tunnel, Voestalpine, CERN, AMETI Panmure Bridge Auckland, A45 Talbruecke Rahmedetal |
| Kontakt: | www.boerkey.com | info@boerkey.com | Tel. +49 2331 303085 |
(Eugen Weis)
