Wer Neues wagt sollte schnell zur „falschen“ Lösung kommen

Warum die meisten Softwareprojekte am Menschen vorbeientwickelt werden – und wie Prototypen das ändern.

by Andreas Schnittker
Bildquelle Thilo Vogel

Das menschliche Gehirn denkt in Bildern, nicht in Code. Dennoch warten Unternehmen bei IT-Projekten oft monatelang auf erste Ergebnisse – nicht selten am tatsächlichen Bedarf vorbei. Alexander Hachmann, Geschäftsführer der Wahnsinn Design GmbH spricht über den Mut zu „falschen“ Prototypen, das Ende des Silodenkens und die Frage, wie menschlich Softwareentwicklung sein kann.

Die Wirtschaft Köln: Automatisierung beginnt immer bei den Prozessen. Am Ende sitzt dort aber immer ein Mensch, der diese steuert, auswertet oder die Software bedient. Inwiefern ist euer visuell getriebener Entwicklungsansatz schlichtweg menschlicher?

Alexander Hachmann: Laut einer Bitkom-Studie scheitern 75 Prozent aller Softwareprojekte an Fehlern in der anfänglichen Definition. Das ist eine riesige Verschwendung von Zeit und Geld. Für uns liegt der Schlüssel zu menschlicherer Software ganz klar in der fundamentalen Herangehensweise: bessere Kommunikation, schnellere Entscheidungen und Respekt vor der visuellen Wahrnehmung. Die meisten Menschen denken nun mal in Bildern. Deshalb ist es essenziell, so früh wie möglich etwas Greifbares und somit streitbares zu erstellen.

Die perfekte Software existiert bereits – aber für jeden anders

Die Wirtschaft Köln: Traditionelle Softwareentwicklung bedeutet für Kunden oft monatelanges Warten im luftleeren Raum. Ihr dreht den Spieß um und arbeitet von Tag eins an auf ein greifbares Modell hin. Warum?

Alexander Hachmann: Weil Software vor der Entwicklung nur als abstraktes Konstrukt in den Köpfen existiert. Finance, Marketing, Vertrieb und Entwickler haben alle völlig unterschiedliche Vorstellungen vom und Sichtweisen auf den selben Prozess. Die reine Abstraktion deckt diese Abweichungen nicht auf.

Der Autor Patrick Rothfuss sagte einmal: Es ist leicht zu schreiben, der Held spiele die schönste Musik der Welt – der Ton entsteht einfach im Kopf des Lesers. Mache ich daraus einen Film, muss ich mich auf ein konkretes Stück festlegen, und plötzlich scheiden sich daran die Geister. Genau das passiert bei Software. Ein visueller Prototyp schafft ein erstes Ergebnis, macht Diskussionen konkret und führt die unterschiedlichen Vorstellungen über in Klarheit.

Das was wir Euch jetzt zeigen, ist falsch. Und das soll es sogar sein.

Die Wirtschaft Köln: Was sind eure wichtigsten Learnings aus dieser Arbeitsweise?

Alexander Hachmann: Erstens: Das wahre Potenzial liegt nicht in der rein technischen Umsetzung einer Idee. Die Menschen, die Software später bedienen oder darüber entscheiden, sind selten Tech-Nerds. Zeigt man ihnen auf einer visuellen Ebene, wo der Unterschied zwischen einer schlechten und einer guten Lösung liegt, entsteht ein Produkt mit viel höherem Nutzwert.

Zweitens: Digitalisierung an sich ist kein Wert. Einen schlechten analogen Prozess digital nachzubauen, erzeugt oft nur einen schlechteren digitalen Prozess. Papier ist geduldig und lässt Abweichung einfach zu; Software ist meist starrer. Unser Ziel darf nicht „digital um jeden Preis“ sein, sondern einen guten Prozess zu finden und sehr gerne einen noch besseren digitalen.

Die Wirtschaft Köln: Dennoch gibt es im Projektgeschäft klassische Stufen wie Briefing, Kick-off und Entwicklung. Liegt in der zeitlichen Nähe zum Briefing der eigentliche Erfolg eures Modells?

Alexander Hachmann: Absolut. Je neuartiger, innovativer oder ungewohnter ein Projekt ist, desto mehr muss man Unklarheiten als normalen Prozessschritt akzeptieren. Wir laden diese Unklarheit sogar ein, indem wir den Beteiligten beim ersten Prototypen ganz bewusst sagen: „Das, was wir euch jetzt zeigen, ist falsch. Und das soll es sogar sein.“

Das klingt kontraintuitiv, aber wir wollen, dass man sich an diesem ersten Testballon reibt. Nur durch Hinterfragen wird eine Lösung besser. Das muss extrem früh passieren. Wenn erst nach Monaten jemand die fertige Software testet und merkt, dass sie am Alltag vorbeientwickelt wurde, wackelt das gesamte Fundament. Unser Ziel ist nicht primär Geld zu sparen, sondern schnell Klarheit zu gewinnen. Das erste Briefing ist schließlich nur der Startschuss, nicht das Nonplusultra.

König Prozess

Die Wirtschaft Köln: Welchen Stolpersteinen begegnet ihr in der Praxis am häufigsten?

Alexander Hachmann: Ein Hauptproblem ist, dass der Prozess oft als „König“ über dem Ergebnis steht. Selbst Unternehmen, die sich Agilität auf die Fahne schreiben, klammern sich oft starr an Prozessschritte. Ein Prozess ist aber nur ein Hilfsmittel. Passt er nicht mehr zum Ziel, muss er geändert werden. Der zweite Klassiker sind fehlende Schnittstellen oder ungeklärte Datenhoheiten zu dem Zeitpunkt, an dem das Projekt sie eigentlich braucht.

Die Wirtschaft Köln: KI verändert die Softwarewelt rasant. Wie blickst du auf diesen Hype?

Alexander Hachmann: KI ist wie die Digitalisierung kein Selbstzweck. Bei Large Language Models geht es zwar rasend schnell, ein erstes, gut aussehendes Ergebnis zu erzeugen. Das verleitet zu dem Trugschluss, man stehe kurz vor dem Ziel.

Um mit KI aber reproduzierbar verlässliche Ergebnisse zu bekommen, braucht es einiges an Aufwand. Der Fokus verlagert sich lediglich nach hinten – auf die Qualitätskontrolle und das Beheben von ungewünschtem Output. Zudem versteht eine KI kein implizites Wissen: In Unternehmen gibt es ungeschriebene Gesetze und Ausnahmen. Je weniger klar der wirklich gelebte Prozess ist, um so unmöglicher wird es einer KI, diesen zu überlassen.

Wir nutzen KI beim Programmieren und die Geschwindigkeit ist faszinierend. Aber Softwareentwicklung ist nicht nur Code erzeugen – es ist Kommunikation, Abstimmung und Kontextverständnis. KI bringt dort den größten Nutzen, wo sie verlässlich Mehrwert schafft. Das ist oft weniger glamourös als die halbgaren KI-Features, die gerade überall eingebaut werden. Wir befinden uns vielleicht am Abflachen des Hype Cycle, aber die Technologie bleibt. Wir dürfen nur die menschlichen Ziele dahinter nicht aus den Augen verlieren.

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