Die Wirtschaft: Sie beschäftigen sich tagtäglich mit Kennzeichnungen und Vertrauen – gelingt es Ihnen privat noch, Produkte einfach „unvoreingenommen“ zu betrachten? Oder schauen Sie automatisch genauer hin als andere?
Rüdiger Wollmann: Ich versuche, Produkte im Alltag möglichst unvoreingenommen zu betrachten. In der Praxis gelingt das jedoch nur eingeschränkt, da die berufliche Perspektive stets eine Rolle spielt. Durch meine tägliche Beschäftigung mit Kennzeichnungssystemen und Verbraucherinformationsprozessen fällt mir schneller auf, wenn Aussagen widersprüchlich, überzogen oder intransparent sind.
Die Wirtschaft: Sie sind von Hause aus Jurist. Was hat Sie damals gereizt, in ein System einzusteigen, das sich so stark mit Qualität und Verbraucherschutz beschäftigt?
Rüdiger Wollmann: Mich hat vor allem der hohe praktische Nutzen der von RAL angebotenen Systeme überzeugt. Ob RAL Gütezeichen, RAL Farben, der Blaue Engel, das EU Ecolabel, der Grüne Knopf, das Testlogo der Stiftung Warentest oder der Nutri-Score – all diese Instrumente leisten einen konkreten Beitrag zur Orientierung und Entscheidungsfindung für Unternehmen und Verbraucher. Gleichzeitig stehen dahinter komplexe juristische und betriebswirtschaftliche Strukturen, die funktional, rechtssicher und zugleich gemeinnützig ausgestaltet sein müssen. Dieses Zusammenspiel macht die Arbeit für mich bis heute anspruchsvoll und nachhaltig interessant.
Aufgaben und Qualitätssicherung des RAL
Die Wirtschaft: RAL ist vielen ein Begriff, aber oft nur punktuell – etwa durch Farben oder einzelne Siegel. Wie würden Sie Ihre Organisation jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?
Rüdiger Wollmann: Abstrakt erklärt ist RAL eine privatrechtliche Organisation, die für die Wirtschaft Rationalisierungstools zur Verfügung stellt. Rationalisierung zur Vereinfachung, Beschleunigung und damit zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit bei Herstellern, Dienstleistern und Händlern. Gleichzeitig führen diese Verfahren aber auch zu einer Verbesserung des Verbraucherschutzes.
Die Wirtschaft: Es gibt rund 150 RAL Gütezeichen in unterschiedlichsten Branchen. Wie gelingt es, hier eine gleichbleibend hohe Qualität und Glaubwürdigkeit sicherzustellen?
Rüdiger Wollmann: Mit der RAL Gütesicherung ist ein weitreichendes Güteversprechen verbunden. Es kann von der fachkundigen Beratung bis zur späteren Betreuung und zur Bearbeitung von Reklamationen reichen und betrachtet Aspekte wie Umweltfreundlichkeit, Sicherheit, Wirtschaftlichkeit, Kundenorientierung, Haltbarkeit sowie die Kompetenz des Personals.
Die jeweiligen Gütebestimmungen liegen weit über Mindeststandards und gesetzlichen Normen und garantieren so besonders hohe Qualität, eine lange Lebensdauer, verlässliche Funktionen und bieten eine zuverlässige Beratung.
Die neue EU-Verbraucherschutzrichtlinie
Die Wirtschaft: Mit der EmpCo-Richtlinie verschärft die EU die Regeln für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen deutlich. Was glauben Sie, warum dieser regulatorische Druck gerade jetzt kommt?
Rüdiger Wollmann: Der Zeitpunkt ist kein Zufall. Wir sehen mehrere Entwicklungen, die hier zusammenkommen:
- Erstens hat die enorme Zunahme an Nachhaltigkeitsaussagen im Markt zu einer gewissen Unübersichtlichkeit geführt. Verbraucher sehen sich heute mit einer Vielzahl von Labels, Claims und Versprechen konfrontiert, deren Aussagekraft nicht immer klar ist.
- Zweitens hat sich gezeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen oft nicht ausreichen, um Greenwashing wirksam zu verhindern. Genau deshalb wurde jetzt regulatorisch nachgeschärft – mit dem Ziel, einheitliche Mindeststandards zu schaffen.
- Und drittens ist Nachhaltigkeit inzwischen ein zentraler Wettbewerbsfaktor. Wenn sie als Differenzierungsmerkmal genutzt wird, muss sichergestellt sein, dass dieser Wettbewerb fair ist. Das heißt: gleiche Regeln für alle und klare Kriterien dafür, was gesagt werden darf und was nicht.
Die EmpCo-Richtlinie ist damit letztlich ein Instrument zum Verbraucherschutz und zur Marktordnung zugleich.
Die Wirtschaft: Viele Aussagen wie „klimaneutral“ oder „umweltfreundlich“ werden künftig nur noch mit belastbaren Nachweisen zulässig sein. Wie sehen diese „belastbaren Nachweise“ aus? Was bedeutet das konkret für Unternehmen?
Rüdiger Wollmann: „Belastbare Nachweise“ bedeuten vor allem drei Dinge: Transparenz, Konkretion und Überprüfbarkeit.
Unternehmen müssen künftig klar darlegen können, worauf sich eine Aussage bezieht (Produkt, Produktgruppe oder Unternehmen), welche Kriterien zugrunde gelegt wurden und wie diese Kriterien überprüft wurden.
Das kann zum Beispiel durch dokumentierte Berechnungen, nachvollziehbare Methodiken, unabhängige Prüfungen oder anerkannte Standards erfolgen. Entscheidend ist, dass die Aussage nicht nur intern plausibel ist, sondern auch extern nachvollzogen werden kann.
Für Unternehmen bedeutet das konkret einen deutlich höheren Aufwand in der Datenerhebung, -aufbereitung und -dokumentation. Gleichzeitig führt es aber auch zu mehr Klarheit: Wer sauber arbeitet, kann dies künftig auch glaubwürdig belegen – und damit Vertrauen aufbauen.
Bildquelle RALRüdiger Wollmann, Hauptgeschäftsführer RAL
Auswirkungen auf Unternehmensprozesse
Die Wirtschaft: Verändert EmpCo langfristig nur die Kommunikation – oder zwingt sie Unternehmen auch, ihre Produkte und Prozesse zu überdenken?
Rüdiger Wollmann: EmpCo wird weit über die Kommunikation hinaus wirken. Sie zwingt Unternehmen faktisch dazu, die Substanz hinter ihren Aussagen zu prüfen.
Denn wenn ich eine Aussage künftig nur noch treffen darf, wenn sie belastbar belegt ist, stellt sich automatisch die Frage: Erfülle ich diese Anforderungen überhaupt? Wenn nicht, muss ich entweder meine Kommunikation zurücknehmen – oder meine Produkte und Prozesse verbessern.
In der Praxis wird das oft zu Letzterem führen. Die Richtlinie wirkt damit als indirekter Transformationshebel: Sie hebt das Niveau der Kommunikation an – und damit gleichzeitig das Niveau der tatsächlichen Leistung.
Der neue Fokus von Unternehmen und die Folgen für Verbraucher
Die Wirtschaft: An welchen Stellschrauben müssen Unternehmen Ihrer Meinung nach am stärksten drehen, um diese Anpassungen vornehmen zu können?
Rüdiger Wollmann: Aus meiner Sicht gibt es vier zentrale Stellschrauben:
- Daten und Messbarkeit: Unternehmen müssen lernen, ihre Nachhaltigkeitsleistung systematisch zu erfassen und zu messen. Ohne belastbare Daten gibt es keine belastbaren Aussagen. Der Grundsatz „You can’t manage what you don’t measure“ gilt hier uneingeschränkt.
- Prozesse und Standards: Nachhaltigkeit muss in Prozesse integriert werden – von der Produktentwicklung über die Lieferkette bis hin zur Kommunikation. Dazu gehört auch die Orientierung an anerkannten Standards und klar definierten Kriterien.
- Governance und Verantwortung: Es braucht klare Verantwortlichkeiten im Unternehmen, einschließlich rechtlicher Prüfung von Aussagen. Nachhaltigkeitskommunikation ist kein reines Marketingthema mehr, sondern zunehmend ein Compliance-Thema.
- Transparenz in der Kommunikation: Unternehmen müssen lernen, präziser und differenzierter zu kommunizieren. Das bedeutet weniger pauschale Aussagen, dafür mehr Kontext, Einordnung und Offenlegung von Grenzen.
EmpCo wird nicht nur die Art verändern, wie Unternehmen über Nachhaltigkeit sprechen – sondern auch, wie sie diese tatsächlich umsetzen. Wer frühzeitig in Daten, Prozesse und klare Kommunikation investiert, wird davon profitieren, weil er Vertrauen aufbaut und sich im Wettbewerb glaubwürdig positioniert.
Die Wirtschaft: Glauben Sie, dass es aufgrund der bevorstehenden Veränderungen für Verbraucher in den kommenden Jahren einfacher oder eher schwieriger wird, nachhaltige Konsumentscheidungen zu treffen?
Rüdiger Wollmann: Kurzfristig könnte es tatsächlich als komplexer wahrgenommen werden, weil viele gewohnte Aussagen verschwinden oder differenzierter dargestellt werden müssen. Verbraucher werden sich zunächst an eine präzisere und weniger pauschale Kommunikation gewöhnen müssen.
Langfristig wird es jedoch deutlich einfacher. Der zentrale Effekt der Regulierung ist, dass irreführende oder nicht belegbare Aussagen zurückgedrängt werden. Damit wird der Markt übersichtlicher und vertrauenswürdiger. Systeme mit klaren Kriterien und unabhängiger Prüfung bieten Orientierung, weil sie Aussagen standardisieren und vergleichbar machen.
Für Verbraucher bedeutet das: weniger „Versprechen“, dafür mehr belastbare Informationen. Und genau diese Verlässlichkeit ist entscheidend, um fundierte Konsumentscheidungen treffen zu können. Insofern führt die Entwicklung perspektivisch zu mehr Klarheit und Orientierung im Markt – auch wenn der Übergang zunächst anspruchsvoll erscheint.
Jana Leckel
