Felix Becker und Louise Farina stehen für eine neue Generation im Familienunternehmertum der Region Köln/Bonn. Er führt mit seinem Bruder Moritz die Heinrich Becker Söhne GmbH & Co. KG, einen über hundert Jahre alten Bonner Baubetrieb in vierter Generation. Sie ist Nachfolgerin in der neunten Generation im Hause Farina est. 1709, dem ältesten Parfumhaus der Welt. Gemeinsam engagieren sie sich im Regionalkreis Metropolregion Köln/Bonn von DIE JUNGEN UNTERNEHMER.
Verantwortung übernehmen und Gestaltungsräume nutzen
Die Wirtschaft: Sie beide stehen für junge Nachfolge in traditionsreichen Familienunternehmen. Was bedeutet Unternehmertum für Sie persönlich?
Louise Farina: Für mich bedeutet Unternehmertum, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das größer ist als die eigene Person. In einem Familienunternehmen mit langer Geschichte geht es nicht darum, Bestehendes nur zu verwalten. Es geht darum, den Kern des Unternehmens zu verstehen und ihn in die Zukunft zu tragen. Gleichzeitig bedeutet Unternehmertum Gestaltungsfreiheit: eigene Ideen einzubringen und etwas weiterzuentwickeln, das schon viele Generationen geprägt hat.
Felix Becker: Unternehmertum bedeutet für mich vor allem Verantwortung: für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kunden, die eigene Familie und die Region. Wenn man in ein Familienunternehmen hineinwächst, übernimmt man Geschichte, Werte und Erwartungen. Gleichzeitig hat man die Chance, das Unternehmen mit eigenen Ideen weiterzuentwickeln.
Geschichte bewahren und Werte weiterleben
Die Wirtschaft: Frau Farina, Ihr Unternehmen gilt als ältestes Parfumhaus der Welt und ist eng mit Köln verbunden. Was macht Farina est. 1709 heute aus?
Louise Farina: Farina est. 1709 ist ein Unternehmen mit einer außergewöhnlichen Geschichte. Seit 1709 ist unser Haus eng mit Köln verbunden. Eau de Cologne ist nicht nur ein Duft, sondern ein Stück Stadt-, Kultur- und Unternehmensgeschichte. Farina verbindet Herkunft, Qualität, Handwerk und internationale Strahlkraft. Unsere Aufgabe ist es, diese Geschichte nicht nur zu bewahren, sondern lebendig zu halten. Gleichzeitig fragen wir uns, wie eine historische Marke heute relevant bleibt.
Die Wirtschaft: Herr Becker, Heinrich Becker Söhne ist über hundert Jahre alt und wird heute in vierter Generation geführt. Wie würden Sie Ihr Unternehmen heute beschreiben?
Felix Becker: Heinrich Becker Söhne ist ein traditionsreicher Baubetrieb aus Bonn-Beuel. Unsere Wurzeln liegen im Stuckateurhandwerk, heute sind wir breiter aufgestellt: Stuck, Trockenbau, Akustikbau, Malerarbeiten und Wärmedämmung gehören zu unseren Schwerpunkten. Gemeinsam mit meinem Bruder Moritz führen wir das Unternehmen in vierter Generation weiter. Uns prägt die Verbindung aus Erfahrung, Qualität und dem Anspruch, uns kontinuierlich weiterzuentwickeln. Wir haben großen Respekt vor dem, was vor uns aufgebaut wurde, möchten das Unternehmen aber moderner, digitaler und zukunftsfähiger aufstellen.
Tradition als Fundament und Ansporn
Die Wirtschaft: Ist Tradition für Sie eher Verpflichtung, Inspiration oder manchmal auch Druck?
Louise Farina: Ich glaube, es ist eine Mischung aus allem. Wenn ein Unternehmen seit über dreihundert Jahren besteht, ist das eine große Verpflichtung. Gleichzeitig ist Tradition eine enorme Inspiration. Sie gibt Orientierung, Identität und Substanz. Natürlich gibt es auch Druck, dieser Geschichte gerecht zu werden. Aber ich empfinde es als Privileg, Teil davon zu sein.
Felix Becker: Bei uns ist es ähnlich. Hundert Jahre Familienunternehmen bedeuten, dass schon viele Menschen Verantwortung übernommen und durch schwierige Zeiten geführt haben. Das verpflichtet. Aber Tradition darf nicht dazu führen, dass man stehen bleibt. Für mich ist sie eher ein Fundament, auf dem man weiterbauen kann. Natürlich gibt es Druck. Aber genau dieser Anspruch treibt einen auch an.
Tradition weiterentwickeln, Identität erhalten
Die Wirtschaft: Wie entwickelt man Tradition weiter, ohne ihre Identität zu verlieren?
Louise Farina: Der erste Schritt ist, die eigene Identität wirklich zu verstehen. Man muss wissen, was den Kern der Marke ausmacht. Bei Farina sind das Herkunft, Qualität, Duftkultur, Handwerk und Köln. Weiterentwicklung bedeutet nicht, sich von der Geschichte zu lösen. Es bedeutet, die Geschichte in eine Sprache zu übersetzen, die heute verstanden wird. Eine historische Marke bleibt nur dann lebendig, wenn sie Menschen auch heute berührt.
Felix Becker: Das gilt auch für einen Baubetrieb. Modernisierung bedeutet für uns nicht, das Alte schlechtzureden. Im Gegenteil: Wir wollen sichtbar machen, wie viel Können, Qualität und Stolz in unserem Betrieb und in der Baubranche stecken. Konkret arbeiten wir an digitalen Prozessen, moderner Führung, besserer Kommunikation und neuen Wegen in der Mitarbeitergewinnung. Social Media spielt dabei eine große Rolle, ebenso Themen wie KI. Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Sie muss den Menschen im Betrieb helfen.
Parallelen zwischen Duftkultur und Bauhandwerk
Die Wirtschaft: Sie beide stehen für sehr unterschiedliche Branchen: Parfum und Bau. Wo sehen Sie trotzdem Gemeinsamkeiten?
Louise Farina: Beide Unternehmen leben von Qualität, Erfahrung, Handwerk und Vertrauen. Und beide sind stark mit ihrer Region verbunden. Außerdem geht es in beiden Fällen darum, etwas Bestehendes in die Zukunft zu führen. Die Leistungen sind unterschiedlich, aber die Fragen ähneln sich: Wie bleibt man relevant? Wie gewinnt man junge Menschen? Wie bewahrt man Werte und bleibt offen für Neues?
Felix Becker: Bei Louise geht es um Duft, Marke und Kulturgeschichte. Bei uns geht es um Bau, Ausbau und handwerkliche Qualität. Aber im Kern stehen wir beide vor ähnlichen Themen: Nachfolge, Verantwortung, Mitarbeiter, Marke, Digitalisierung, Sichtbarkeit und die Frage, wie man ein traditionsreiches Unternehmen weiterentwickelt. Genau deshalb ist der Austausch im Verband so wertvoll.
Ganzheitliche Ansätze für die Immobilienpraxis
Die Wirtschaft: Herr Becker, welche Rolle spielt die immobecker GmbH mit Verwaltung und Maklertätigkeit in Ihrem unternehmerischen Ökosystem?
Felix Becker: Die immobecker GmbH ist eine sinnvolle Ergänzung zu unserer Tätigkeit im Baubereich. Wir kommen aus dem Bau, kennen Immobilien aus der praktischen Perspektive und verstehen, was Werterhalt, Sanierung und Entwicklung konkret bedeuten. Ursprünglich lag der Schwerpunkt stärker auf der Immobilienverwaltung. Inzwischen haben wir auch Maklertätigkeiten aufgenommen. Das passt sehr gut, weil Bau, Verwaltung, Vermarktung und Entwicklung von Immobilien eng verbunden sind. Wir denken Immobilien ganzheitlich: vom Zustand des Gebäudes über die laufende Betreuung bis zur Vermittlung.
Familienunternehmen zusammenbringen und stärken
Die Wirtschaft: Warum engagieren Sie sich beide bei DIE JUNGEN UNTERNEHMER?
Louise Farina: Für mich ist der Verband ein Ort, an dem man voneinander lernen kann. Nachfolge, Verantwortung, Wachstum, Fachkräfte, Bürokratie, Digitalisierung – das sind Themen, die viele junge Unternehmerinnen und Unternehmer beschäftigen. Gerade als Nachfolgerin ist es wertvoll, mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Herausforderungen kennen. Viele Fragen sind nicht nur individuell. Andere erleben Ähnliches, nur in anderen Branchen oder Unternehmensgrößen.
Felix Becker: Ich engagiere mich, weil der Austausch mit anderen jungen Unternehmerinnen und Unternehmern extrem wertvoll ist. Viele Themen versteht man besonders gut, wenn man selbst Verantwortung trägt oder in eine Nachfolgerolle hineinwächst. Im Verband geht es für mich um ehrlichen Austausch, um unternehmerische Haltung und um eine Stimme für junge Unternehmer in der Region. In Köln/Bonn gibt es viele starke Familienunternehmen, Gründer und Nachfolger. Diese Menschen möchten wir stärker zusammenbringen.
Eine gemeinsame Vision für den Mittelstand der Region
Die Wirtschaft: Was ist Ihre gemeinsame Vision für DIE JUNGEN UNTERNEHMER in der Metropolregion Köln/Bonn?
Louise Farina: Ich wünsche mir, dass der Regionalkreis ein Netzwerk wird, das trägt. Ein Ort, an dem man sich austauscht, voneinander lernt und gemeinsam etwas für die Region bewegt. Köln/Bonn hat viele starke Unternehmerpersönlichkeiten, traditionsreiche Familienunternehmen und junge Gründer. Wenn wir diese Menschen stärker zusammenbringen, entsteht daraus ein großer Mehrwert: für die Unternehmen, für die Region und für die nächste Generation.
Felix Becker: Unsere Vision ist ein Regionalkreis, der junge Unternehmerinnen und Unternehmer wirklich miteinander verbindet. Wir möchten eine Plattform schaffen, auf der man offen sprechen kann: über Nachfolge, Wachstum, Verantwortung, Führung, Fehler und Zukunftsideen. Gleichzeitig wollen wir jungen Unternehmern eine stärkere Stimme geben. Unternehmertum braucht Sichtbarkeit und Wertschätzung. Gerade jetzt ist es wichtig, dass junge Menschen Lust haben, Verantwortung zu übernehmen.
Monika Eiden
