Circular.Culture: Kreislauf statt Sperrmüll

Wie ein lokales Modellprojekt die Kulturbranche in NRW nachhaltig transformieren will

by Redaktion
Durch Materialsharing können Ressourcen geschont und Wertschöpfung neu gedacht werdenBildquelle KI-generiert mit Gemini

Die Erkenntnis, dass rein lineare Systeme nicht zukunftsfähig sind, ist inzwischen wohl in den meisten Wirtschaftszweigen angekommen. Die Umsetzung nachhaltiger Alternativen gestaltet sich in vielen Bereichen jedoch noch als herausfordernd. Zeigt die Kulturbranche hier jetzt den Weg?

Würde die deutsche Wirtschaft in den nächsten 25 Jahren ausreichend kreislauffähig gemacht, könnte das die Recyclingrate bei Rohstoffen mehr als verdreifachen. Das ergab eine Studie im Auftrag des NABU. Dass nachhaltige Wirtschaftsformen sowohl für die Umwelt als auch Unternehmen positive Effekte bedeuten können, ist kein Geheimnis mehr. Das Problem liegt stattdessen in der Umsetzung. Materialien in einem Kreislauf zu behalten, bedeutet für Unternehmen, Wertschöpfung neu zu denken und viele verschiedene Akteurinnen und Akteure an einen Tisch zu bringen. Das ist teuer und im Vergleich zur Nutzung bestehender linearer Systeme oftmals komplex. An dieser Stelle setzt das Projekt Circular.Culture an: Materialien sollen über eine Sharing-Plattform im Umlauf bleiben, statt nach kurzer Nutzung entsorgt zu werden. Damit verfolgt das Modellprojekt das Ziel, Kreislaufwirtschaft in der Kulturbranche Nordrhein-Westfalens nicht nur theoretisch zu diskutieren, sondern praktisch umzusetzen.

Aus der Theorie in die Praxis

Träger des Projekts Circular.Culture ist das NRW KULTURsekretariat in Zusammenarbeit mit dem Wuppertaler Forschungszentrum Neue Effizienz gemeinnützige GmbH sowie der Stadt Köln und dem Theater Bonn. Der konkrete Impuls kam dabei aus der Praxis: In Workshops mit Kommunen und Kulturakteurinnen und -akteuren wurde deutlich, dass das Thema Kreislaufwirtschaft auf großes Interesse stößt –gleichzeitig ist der Bedarf an geeigneter Infrastruktur und Unterstützung in der Umsetzung hoch. Schnell wurde aus der theoretischen Überlegung ein konkreter Projektentwurf und nachdem die Förderzusage des Wirtschaftsministeriums und die Kofinanzierung durch die Europäische Union gesichert waren, stand dessen Umsetzung nichts mehr im Wege.

So funktioniert Circular.Culture

Entscheidend für das Projektvorhaben ist der Aufbau einer tragfähigen Infrastruktur, die den Austausch von Materialien innerhalb der Kulturbranche möglich macht. Geplant ist ein mehrstufiges System: Ein zentrales Materialdepot dient als übergeordnete Lager- und Verteilstelle, insbesondere für größere Materialmengen. Ergänzend dazu entstehen regionale Material-Hubs, die als dezentrale Anlaufstellen fungieren und Transportwege verkürzen. Eine zentrale Rolle soll zudem eine digitale Plattform spielen, die gleichermaßen als eine Art Online-Marktplatz und als Schnittstelle zur Vernetzung der Community dient. Hier können Materialien angeboten, gesucht, verliehen, verkauft oder verschenkt werden. Dadurch entsteht Transparenz darüber, welche Ressourcen verfügbar sind und wo Bedarf besteht.

Gerade in der Kulturbranche zeigt sich für dieses Vorhaben großes Potenzial: Für Ausstellungen oder Veranstaltungen werden regelmäßig individuelle Lösungen gebaut – häufig mit erheblichem handwerklichem und finanziellem Aufwand. Nach der Ausstellung, der Aufführung oder Veranstaltung verlieren die Bühnenbilder, Installationen oder Kostüme jedoch oft ihren Nutzen und verschwinden im Lager. Über das Materialsharing könnten sie stattdessen einem neuen Zweck zugeführt werden und noch einmal eine völlig neue Wertschätzung erfahren.

Die Kulturbranche NRWs als idealer Versuchsraum

Mit über 1.000 Museen und 200 Theatern besitzt das Land NRW europaweit eine der stärksten Dichten an Kulturstätten, sodass das Projektvorhaben hier direkt in der Praxis getestet werden kann. Für das geplante Materialsharing sind darüber hinaus die vergleichsweise kurzen Wege zwischen den einzelnen Städten entscheidend, um die Wiederverwendung möglichst praktikabel zu gestalten. Ein zusätzlicher Hebel vor Ort: Das NRW KULTURsekretariat besitzt als Projektträger mit seinen 21 Mitgliedsstätten vielfältige Vernetzungsmöglichkeiten, die einzelne Kommunen selbstständig nicht erzielen könnten. „Wir haben die Kontakte und können deshalb für viele Institutionen Lösungen anbieten“, so Lucca Meinke, Projektkoordinatorin Circular.Culture beim NRW KULTURsekretariat.

Community-Building als Erfolgsfaktor

Neben der technischen Infrastruktur setzt das Projekt gezielt auf Austausch unter den Beteiligten. Statt „Sensibilisierung“ steht hier jedoch der Community-Aspekt im Vordergrund, wie Meinke betont: „Kulturakteurinnen und -akteure sind beim Thema Nachhaltigkeit sehr engagiert und motiviert. Uns fehlt es daher weniger an Sensibilisierung, sondern an der passenden Infrastruktur.“ Aufgrund dieses Mindsets könne die Kulturszene als Inspiration für das kreative Neudenken von Arbeitsprozessen dienen und somit dazu beitragen, das Projekt nach Abschluss der dreijährigen Modellphase auf weitere Kommunen in Deutschland auszuweiten.

Zwischen Innovation und Hürden

Trotz der positiven Ausgangslage ist die Umsetzung des Projekts komplex. Unterschiedliche Bedarfe müssen koordiniert, technische Lösungen entwickelt und bestehende Prozesse angepasst werden. Eine besondere Herausforderung stellen dabei auch in der Kulturbranche rechtliche Rahmenbedingungen dar, denn die Weitergabe von Materialien, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden, ist häufig nicht so einfach. Auch Fragen zu Haftung und Urheberrecht müssen geklärt werden, bevor ein reibungsloses Materialsharing möglich ist. Grundsätzlich erfordert der Wandel Zeit. Neue Prozesse müssen etabliert, Verantwortlichkeiten definiert und interne Abläufe angepasst werden. Dabei braucht es nicht zuletzt vor allem Vertrauen in neue Formen der Zusammenarbeit.

Der aktuelle Stand

Das Projekt Circular.Culture startete offiziell am 1. Januar 2026. Aktuell befinden sich die Verantwortlichen in der Bedarfsanalyse, im Rahmen derer anhand einer groß angelegten Umfrage unter Kulturakteurinnen und -akteuren in NRW gezielt Anforderungen an die digitale Infrastruktur ermittelt werden. Vorbild hierfür sind Beispiele kleinerer Materialinitiativen, die regional bereits etabliert sind. Das große Interesse an den ergänzenden Kick-off-Veranstaltungen bestätigt das NRW KULTURsekretariat in seinem Vorhaben und zeigt, welches Potenzial lokale Projekte bieten können. „Wir wollen Denkanstöße geben und schauen, wie man Kulturakteuren das kreislauffähige Arbeiten erleichtern kann“, so Lucca Meinke vom NRW KULTURsekretariat.

Fazit

Langfristig soll Circular Culture weiterwachsen. Ziel ist es, die erprobten Strukturen auf weitere Regionen zu übertragen und kontinuierlich auszubauen, um einen möglichst großen Teil der deutschen Kulturszene zu integrieren. Der Fokus auf die Kulturbranche zeigt dabei die Bedeutung von Offenheit und Kreativität in der Entwicklung neuer Systeme und kann an andere Wirtschaftszweige eine wichtige Botschaft überbringen: Kreislaufwirtschaft sollte nicht als Einschränkung verstanden werden, sondern als Chance für innovative Prozesse, stärkere Zusammenarbeit und einen bewussteren Umgang mit Ressourcen – für Unternehmen und die Umwelt gleichermaßen.


Sarah Kurth

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