Die deutsche Wirtschaft verändert sich. Gerade da Deutschland global gesehen hohe Import- und Exportquoten hat, haben sowohl kurzfristige als auch langfristige internationale Veränderungen einen großen Einfluss. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat Ende März Zusammenhänge zur Deindustrialisierung in Deutschland veröffentlicht.
Der Leiter der Forschungsgruppe Makroökonomie und Konjunktur am IW in Köln, Prof. Dr. Michael Grömling, beschreibt im IW-Kurzbericht Nr. 27 von Ende März die „Deindustrialisierung durch fortschreitende Handelsabkopplung“. Darin zeichnet er ein Bild von dauerhaften Umbrüchen, auf die sich die deutsche Wirtschaft einstellen muss. Zugleich hat er mannigfaltige Gründe für die Veränderungen im Blick.
Gründe der Deindustrialisierung
Seit geraumer Zeit verlagert sich die Industrieproduktion von anderen Standorten vermehrt nach Asien. Geringere Produktions- und Standortkosten treiben dies an. Die Coronapandemie führte zu einem weltweiten Einbruch im Handel und beim deutschen Export. Grömling führt an, die Warenexporte seien im zweiten Quartal 2020 um ein Viertel niedriger gewesen als 2019. Nach einer schnellen Erholung im Verlauf von 2020 und 2021 sei der deutsche Warenexport dann wieder rückläufig gewesen. Die globale Finanzmarktkrise habe ergeben, dass der Warenanteil beim Export von weit über vier Fünftel auf rund drei Viertel zurückgegangen sei. Die starke Weltmarktorientierung Deutschlands führe bei Exportproblemen laut Grömling immer zu Anpassungslasten in der Industrie, und deutscher Außenhandel sei nun mal besonders von Waren bestimmt, die vorwiegend aus der Industrie kämen.
Bei Import- und Exportquoten von jeweils etwa 40 Prozent machen sich Einbrüche relativ stark in einer Volkswirtschaft bemerkbar. Hinzu kämen gesellschaftliche und demografische Veränderungen, der technologische Fortschritt und der Ressourcenwandel, sodass ein Strukturwandel insgesamt unvermeidbar sei. Auch aktuelle und langfristige geopolitische Umbrüche, Protektionismus, Kostenschocks infolge des Ukrainekrieges und aktuell im Nahen Osten nennt Grömling als Gründe dafür, dass zum Jahresende 2025 die industrielle Wertschöpfung in Deutschland um 7,5 Prozent unter ihrem letzten Peak von Ende 2017 gelegen habe. „Die schlechte Lage der deutschen Industrie wird weniger als ein konjunkturelles und vorübergehendes Phänomen, sondern als ein anhaltender Veränderungsprozess im gesamtwirtschaftlichen Branchengefüge gesehen.“
Weltwirtschaft seit den 80ern
Grömling vergleicht von den 1980ern bis in die 2020er folgende Werte: das globale Wirtschaftswachstum, dieses im Durchschnitt von 1980 bis 2019, die globalen Warenimporte und deutsche Warenexporte. Globales Wirtschaftswachstum: Während dies in den 80ern und 90ern etwa gleich war, kam ein Anstieg in den 2000er-Jahren. Die 2010er brachten eine Abflachung, die 2020er einen Einbruch. Die globalen Warenimporte hatten ihren Peak in den 90ern. In den 80ern und 2000ern lagen sie darunter auf etwa einer Ebene. Die Importe überstiegen dabei deutlich die Werte des globalen Wirtschaftswachstums. In den 2010er-Jahren gab es bei den globalen Warenimporten einen deutlichen Einbruch, der sich in den 2020er-Jahren deutlich fortsetzte. Deutsche Warenexporte:
Diese entsprachen in den 80ern den globalen Warenimporten. Der Peak der globalen Importe in den 90ern entspricht dem Peak der deutschen Warenexporte (von 1980 bis 2020). In den 2010er-Jahren lagen die deutschen Warenexporte schon unter den globalen Werten und in den 2020er-Jahren ist ein dramatischer Einbruch bei den deutschen Warenexporten zu verzeichnen. Grömling: „In den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren wuchs die globale Warennachfrage deutlich stärker als die Weltproduktion, was als ein Indikator für Globalisierung gilt. Dies spiegeln auf der Konsumebene eine höhere Gütervielfalt mit entsprechenden Wohlstandseffekten sowie die Internationalisierung von Wertschöpfungsketten wider. Während der Welthandel bereits in den 2010er-Jahren marginal hinter der Produktion zurückblieb, bestand im jüngsten Zeitraum eine sichtbare Divergenz. Dies kann als Indikation für Deglobalisierung gewertet werden.“ Die Pandemie und die globalen Umbrüche seien offensichtliche Gründe für das schwächere Tempo der Weltwirtschaft von 2020 bis 2025.
Entkopplung vom Weltmarkt
Der deutsche Markt habe sich laut Grömling mit der Zeit vom Weltmarkt entkoppelt. Grömling konstatiert, dass sich die deutschen Exporte über die betrachteten vier Jahrzehnte mehr oder weniger im Rhythmus der globalen Nachfrage bewegt hätten. Die in den letzten beiden Dekaden schwächeren Zuwächse bei den globalen Importen hätten auch das deutsche Exporttempo abgeschwächt. Die letzten sechs Jahre mit leicht rückläufigen Ausfuhren würden nicht in dieses gewohnte Muster passen. Eher habe sich der deutsche Export vom Weltmarkt abgekoppelt, was auch Effekte auf die Industrieproduktion habe.
Gründe für die Entkopplung
Um die Gründe für die Entkopplung zu verstehen, muss man auf die ganze Welt blicken. Schaut man sich den weltweiten Industriemarkt an, so habe sich dieser laut Grömling gemessen an der nominalen Wertschöpfung weiter dynamisch entwickelt. Seiner Meinung nach dürfte dies auch trotz der zuletzt angestiegenen Rohstoff- und Produktionskosten so sein. Die Preis- und Wertentwicklung mit eingeschlossen habe sich die weltweite Industrieproduktion seit Anfang 2000 fast verdreifacht. Die wachsende Weltbevölkerung und die damit einhergehende Notwendigkeit an industriellen Ausrüstungen seien ein Faktor. Jedoch werde das gestiegene Marktvolumen in der Produktion nicht mehr so stark von den europäischen Industrieländern gedeckt.
Der Anteil Deutschlands an der weltweiten Industrieproduktion sei aktuell mit 5 Prozent nur noch halb so hoch wie in den 90ern. Europa, ohne Deutschland, sowie die USA hätten Marktanteile von je etwa 10 Prozent abgegeben. China dagegen habe mit etwa 30 Prozent seine Werte verzehnfacht. Asien insgesamt stelle derzeit gut die Hälfte aller Industriewaren her. „Globale Verschiebungen beim deutschen Export- und Produktionsportfolio“ seien möglich im Hinblick auf die Entkopplung des deutschen Markts vom Weltmarkt. Laut Grömling könnte man dies u. a. daran erkennen, ob die weltweite Nachfrage nach Industriewaren, wie Fahrzeuge oder Investitionsgüter, an Bedeutung verliere. Zum Beispiel wenn Autos eher woanders produziert werden.
Wettbewerbsfähigkeit und Standortprobleme Deutschlands
Weitere Effekte seien ein „Verlust an Wettbewerbsfähigkeit und Standortprobleme“. Hat die deutsche Industrie ein „internationales Kosten- und Preishandicap“? Niveau und Veränderung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit aufgrund von Kosten und Wechselkursen seien auch entscheidend darüber, wie erfolgreich deutsche Unternehmen im Exportgeschäft seien, „von wo sie Vorleistungen beziehen (,outsourcing‘) oder wo sie produzieren (,offshoring‘).“ Die Arbeitskosten seien seit Jahren ein Negativfaktor, eine hohe Produktivität wirke dem teilweise entgegen. International verbleibe ein hohes Niveau. Hinzu kämen hohe Regulierungen auf Produkt- und Faktormärkten. Der gestiegene „industriepolitische Wettlauf“ intensiviere das. Zudem habe sich die Wettbewerbsfähigkeit auch durch Wechselkursaufwertungen, etwa gegenüber China, verschlechtert. Verschiebungen durch „geopolitische Blockbildung“ sind zudem zu erwarten. So verstärken z. B. China und die USA ihr „Friendshoring“ im Handel.
Deutsche Kooperationen im europäischen Hauptmarkt könnten dies nicht kompensieren. So muss sich Deutschland um neue Handelsbeziehungen und um Wettbewerbsaufholung bemühen, nicht an erster Stelle in punkto Markt (Offenheit der Märkte, Wertschöpfungsketten und Diversifizierung) oder Wissen (Innovationsumfeld und Fachkräfte), sondern laut IW-Standortindex vor allem dramatisch bei den Kosten. So bei Steuern, Arbeits- und Energiekosten. Die Punkte Infrastruktur, Ressourcen – wie Rohstoffe, Energie und Kapitalmarkt – und der Faktor Staat – mit Regulierungen und Bürokratie – werden vom IW-Standortindex dagegen mittelmäßig bewertet.
Karoline Sielski
