Anlässlich der 150. Wiederkehr des Geburtstages von Konrad Adenauer (1876-1967) lohnt es sich, einen Blick auf seine wirtschaftspolitische Leistung zu werfen. In seine Amtszeit als Oberbürgermeister von Köln (1917-1933) fielen nicht nur weitreichende Entscheidungen, die bis in die heutige Zeit ihre Spuren hinterlassen, sondern auch Umbrüche, die wohl kaum ein Verwaltungschef der neuesten Zeit hat erleben müssen:
Kriegswirtschaft und Lebensmittelnot zu Beginn, es folgten die Umstellung von der Rüstungs- auf die Friedenswirtschaft, Besatzung, Inflation, eine kurze Zeit des Aufschwungs und zum Schluss die katastrophale Weltwirtschaftskrise und die Machtübertragung an die Nationalsozialisten, die Adenauer aus dem Amt vertrieben. Köln war in der Zeit eine wachsende Stadt – an Einwohnern und an Fläche. 1919 lebten in der Stadt ca. 634.000 Menschen, durch Zuzug und Eingemeindungen waren es 1932 fast 757.000. Da lag es fast auf der Hand, neben der Wohnungsbaupolitik eine gezielte Wirtschaftsförderungspolitik zu verfolgen. Doch die Verhältnisse waren nicht einfach, an den Arbeitslosenzahlen kann dies verdeutlicht werden: Waren im Juni 1922 4.000 Menschen erwerbslos, zählte die Statistik zehn Jahre später im Vergleichsmonat zwanzigmal so viel. Dabei wuchs die Zahl der Unternehmen, sie stieg um ca. 13,5 Prozent von 1925 bis 1933.
In diesem Jahr waren 44.271 Unternehmen gemeldet. Davon war die Mehrzahl Unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten – nur 0,3 Prozent oder 111 Unternehmen hatten mehr als 200 Beschäftigte.
Adenauer selbst hat sich mehrfach zur wirtschaftlichen Entwicklung geäußert. Vor der Kölner Universität, die er auch aus wirtschaftlichen Gründen ein Jahr zuvor wiedergegründet hatte, hielt er am 10. Juli 1920 eine Rede zu den „wirtschaftlichen Zukunftsaufgaben Kölns“. Darin forcierte er eine aktive Industrieansiedlungspolitik und moderne Logistikeinrichtungen. Wegweisend stellte er den Zusammenhang von wirtschaftlicher Prosperität und gesundem Leben her – neben der Industrieansiedlung war für ihn der Grüngürtel Garant moderner Stadtentwicklungspolitik.
Rahmenbedingungen – Ausbau der Infrastruktur
Für die Wirtschaft waren und sind die Rahmenbedingungen von besonderer Bedeutung – in erster Linie die Verkehrsinfrastruktur. In die Oberbürgermeisterzeit Adenauers fielen Grundsatzentscheidungen. Die Idee, im Kölner Norden eine Industriefläche zu schaffen, verbunden mit einem Industriehafen, war nicht Adenauers Idee, und die Entscheidung fiel vor seiner Zeit. Aber er trieb den Bau nach dem Krieg voran. Eine offizielle Eröffnung fand im Sommer 1925 nicht statt, vermutlich weil auch viel Kritik an den Kosten entstanden war.
Im April 1927 fällte der Stadtrat den Beschluss zum Bau einer neuen Brücke im Norden, die nach zweieinhalb Jahren fertig war. Die Mehrheit wollte eine Bogenbrücke, aber Adenauer gelang es, in der entscheidenden Abstimmung eine Hängebrücke von Zentrum und Kommunisten verabschieden zu lassen – letztere gewann er mit dem Argument, dafür stünde ein Prototyp in Leningrad. Die Stahlseile lieferte das Kölner Unternehmen Felten & Guilleaume. Im Oktober 1929 begann der Bau der Kraftwagenstraße Köln–Bonn, der ersten „Autobahn“ Deutschlands. Neben der Idee des kreuzungsfreien Autoverkehrs stand auch der Wille, Arbeitslose mit Notstandsarbeiten zu beschäftigen. Am 6. August 1932 eröffnete Adenauer die Straße, deren „Erfinder“ aber Johannes Horion, Landeshauptmann der Rheinprovinz, war.
Adenauers Interesse galt dem Luftverkehr. Erst nach Ende der Besatzung war die zivile Luftfahrt möglich. Adenauer ließ den ehemaligen Militärflughafen Butzweiler Hof in Köln-Ossendorf seit 1925 zum Luftverkehrsstandort Westdeutschlands ausbauen. Er wurde Aufsichtsratsmitglied bei der neu gegründeten Deutschen Lufthansa, die am 6. April 1926 ihren Flugbetrieb in Köln aufnahm.
Wirtschaftsförderung durch die Messe
Im Krieg waren die für die Industrieunternehmen wichtigen Auslandsmärkte weggebrochen. Daher war die Idee einer Messe für Köln zur Förderung des nationalen und internationalen Handels richtig. Adenauer war nicht der Ideengeber, aber er setzte den Plan konsequent um. 1922 gründete die Stadt die Messegesellschaft unter Beteiligung der Wirtschaft und begann mit dem Bau der Messehallen. Fertiggestellt waren sie bereits im Oktober 1923 mit einer Fläche von 45.000 Quadratmetern. Am 11. Mai 1924 konnte Adenauer die Frühjahrsmesse in Anwesenheit von Reichspräsident Friedrich Ebert eröffnen. 600.000 Besucher kamen zur Messe. Ein Jahr nach der Eröffnung besuchten 1,4 Millionen Besucher die Rheinische Jahrtausendausstellung.
Der Höhepunkt war die Durchführung der Internationalen Presseausstellung „PRESSA“ 1928. Über fünf Millionen Besucher zog die Leistungsschau der 1.500 Aussteller aus der Medienwirtschaft aus 43 Nationen an. Zu diesem Zweck wurden die Messehallen mit einer Randbebauung umfasst und mit rotbraunem Klinker verkleidet. Hinzu kamen der Messeturm, von der Maschinenbauanstalt Humboldt aus Köln-Kalk als Stahl-Skelettturm erbaut, und das „Staatenhaus“.
Erfolgreiche Ansiedlungen
Neben der Pflege der bestehenden Unternehmen bestand die Wirtschaftspolitik der Kölner Stadtverwaltung in einer aktiven Förderung der Ansiedlung von Industrieunternehmen. 1926 siedelte sich im Norden das Kunstseide-Unternehmen Glanzstoff-Courtaulds an. Zeitweise arbeiteten hier 3.000 Menschen. Der größte Coup gelang Adenauer mit der Ansiedlung des US-amerikanischen Automobilkonzerns Ford. Gegen mehrere Konkurrenten setzte sich Köln durch. Die verkehrsgünstige Lage am Rhein und die frei verfügbare Fläche waren ausschlaggebend. Auch hier ging es schnell: Vertragsschluss am 18. Oktober 1929, Grundsteinlegung mit Henry Ford am 2. Oktober 1930, Bau durch das Kölner Bauunternehmen Bauwens und am 4. Mai 1931 die erste Auslieferung eines Kraftfahrzeugs.
Wirtschaftspolitik und Handeln in wechselvollen Zeiten
Konrad Adenauer erkannte als Oberbürgermeister den Wert einer gezielten Wirtschaftspolitik. Er sorgte für die notwendigen Rahmenbedingungen. Die Wirtschaftsförderung war nicht das Alleinwerk Adenauers. Neben hervorragenden Mitarbeitern, vor allem Beigeordnete, konnte er sich auf einige Stadtratspolitiker und Vertreter der Wirtschaft verlassen. In gewisser Weise kann die erfolgreiche Wirtschaftsförderung Adenauers auf die heutige Zeit übertragen werden: Fläche, Infrastruktur, Schnelligkeit, ein gutes Team und der Sinn für Trends.
Gastautor: Dr. Ulrich S. Soénius
Historiker und Direktor der Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
