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Das Gedächtnis der rheinischen Wirtschaft

Interview mit Dr. Ulrich S. Soénius, Direktor und Vorstand der Stiftung RWWA

by Redaktion
Dr. Ulrich S. Soénius

In der Kölner Gereonstraße, vis-à-vis der Industrie- und Handelskammer, befindet sich das Rheinisch-Westfälische Wirtschaftsarchiv (RWWA). Neben der Zentrale gibt es drei Magazine, in denen teils mehrere Hundert Jahre alte Dokumente sicher aufbewahrt werden. Im Gespräch erläutert Dr. Ulrich S. Soénius, Direktor und Vorstand der Stiftung RWWA, die Wichtigkeit des Archivs für Forscher, Historiker und Journalisten und nicht zuletzt für die Kölner Bürgerschaft.

DIE WIRTSCHAFT:  Herr Dr. Soénius, wissen Sie in etwa, wie viele Archivstücke das RWWA beherbergt?

Dr. Ulrich Soénius: Eine gute Frage – aktuell belegen wir mit historischen Unterlagen rund 21,5 laufende Kilometer Regalfläche. In unserer Datenbank sind 500.000 Objekte erfasst: Akten, Fotos, Filme, Pläne, Urkunden, Reklamemarken, Notgeldscheine, Geschäftsberichte und Werkzeitschriften. Hinzu kommen ca. 20.000 Firmenfestschriften, 150.000 Zeitungsausschnitte und Sondersammlungen. Stetig wächst der Bestand an digitalen Unterlagen, vor allem im Bereich der Fotografie.

Teststrecke der Wuppertaler Schwebebahn in Köln-Deutz, 1893

Teststrecke der Wuppertaler Schwebebahn in Köln-Deutz, 1893

DIE WIRTSCHAFT: Von welchen Firmen und Organisationen sind Unterlagen im Bestand – um einen Blick auf die Vielfalt zu richten?

Dr. Ulrich Soénius: Das RWWA ist für das ganze Rheinland zuständig – wir sind als regionales Wirtschaftsarchiv Ansprechpartner für alle Unternehmen in den Regierungsbezirken Düsseldorf und Köln, unabhängig von der Branche. Wir sichern die Bestände von vielen Kölner Traditionsunternehmen, wie Felten & Guilleaume, Stollwerck, Chemische Fabrik Kalk, Deutz, Mülhens, Farina – um nur einige zu nennen. Insgesamt haben wir derzeit fast 700 Bestände. Dazu zählen auch die Unterlagen von drei Handwerkskammern sowie von acht Industrie- und Handelskammern in NRW. Diese sind per Gesetz verpflichtet, ihre Unterlagen dauerhaft zu archivieren. Aber auch Wirtschaftsverbände und Innungen zählen dazu.

DIE WIRTSCHAFT: Wer sind Ihre „Kunden“, wer greift auf das Wirtschaftsgedächtnis des Rheinlands zurück?

Dr. Ulrich Soénius: Wir bedienen täglich Anfragen aus Wissenschaft, Wirtschaft, Medien, Politik und Bürgerschaft. Unsere Bestände dienen vor allem der geschichtswissenschaftlichen Forschung – dank der Quellen aus Beständen des RWWA entstehen jährlich zahlreiche Abschlussarbeiten, Dissertationen und historische Abhandlungen zu Themen der Wirtschaft, teilweise mit aktuellem Bezug. Unternehmen wollen etwas über Vorgänger wissen, andere über Altlasten oder die Entstehung von Infrastrukturanlagen, wie Gleisanschlüsse oder Straßen. Verwaltung und Politik fragen zum Beispiel nach Vorschlägen zu Straßennamen, mancherorts auch, um bestehende Straßen neu zu benennen. Besonders gerne fragen uns Journalisten nach Hintergründen zu Ereignissen, Personen und Daten. Wir liefern Quellen und Informationen für Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sender, aber auch für Internetmedien. Wir selbst sind im Internet, auf Facebook und Instagram zu finden.

Ein Blick in das Hauptmagazin des RWWA

Ein Blick in das Hauptmagazin des RWWA

DIE WIRTSCHAFT: Warum ist im RWWA auch ein westfälischer Part enthalten? Köln ist ja eher als Zentrum des Rheinlands zu betrachten.

Dr. Ulrich Soénius: Der Name „Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv“ wurde bei der Gründung 1906 gewählt, weil neben der Stadt Köln und der IHK Köln auch die IHKs der beiden preußischen Provinzen Rheinland und Westfalen beteiligt waren. Wir sind das älteste regionale Wirtschaftsarchiv der Welt – nach unserem Muster sind weitere entstanden. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm in Dortmund unser westfälisches Schwesterarchiv die Arbeit auf, sodass wir uns heute auf das Rheinland beschränken und in NRW zwei regionale Wirtschaftsarchive bestehen, die aber eng zusammenarbeiten. Unsere westfälischen Bestände haben wir inzwischen an das Dortmunder Archiv abgegeben, den Eigennamen führen wir unverändert weiter.

Schon 1996 startete die Transformation ins digitale Archiv

DIE WIRTSCHAFT: Inwieweit sind die Bestände des RWWA bereits digitalisiert?

Dr. Ulrich Soénius: Die Transformation in die digitale Welt hat bei uns schon 1996 begonnen und schreitet stetig fort. Bereits jetzt können ca. 30.000 Fotos und 4.500 Sammelbilder aus den Stollwerck-Alben im Internet abgerufen werden (www.rwwa.de, Recherche). In Kürze werden wir weitere 8.000 Digitalisate von Reklamemarken, Vignetten, Wertpapieren, Notgeldscheinen, Katalogen, Prospekten und Preislisten im Internet anbieten. Deren Digitalisierung wurde von der Bundesregierung mit dem Projekt „Wissenswandel“ gefördert – auf die Förderung sind wir besonders stolz. Weitere Digitalisierungsprojekte stehen an. Bereits jetzt kann in unseren Beständen online recherchiert werden. Dies erleichtert die Benutzung – insbesondere auswärtige BenutzerInnen können so vorab Unterlagen zur Einsichtnahme bestellen und ihre Reisen besser planen.

DIE WIRTSCHAFT: Sie haben ja ein Interesse daran, die Historie von Unternehmen ins RWWA einzubinden. Muss man da viel Überzeugungsarbeit leisten und dicke Bretter bohren, oder geben Firmen ihre Archive gerne ans RWWA ab?

Dr. Ulrich Soénius: Wir sind in erster Linie Rettungsstation für Unterlagen, die von der Vernichtung bedroht sind. Das betrifft meist Unternehmen, die sich z. B. verlagern. Wenn Unternehmen nicht archivieren können, übernehmen wir in Ausnahmefällen. Da ist schon bei den meisten eine große Offenheit zu spüren.

Zur inhaltlichen Erschließung kommt auch die konservatorische Behandlung

DIE WIRTSCHAFT: Sie beraten Unternehmen auch beim Aufbau eigener Archive – was gibt es da besonders zu beachten?

Dr. Ulrich Soénius: Viele Unternehmen sind bereits gut aufgestellt, was die Aufbewahrung ihrer historischen Unterlagen anbelangt. Aber es gibt auch einige, die erst bei bevorstehenden Anlässen, wie etwa ein Jubiläum, die Einführung einer Marke oder ein Mitarbeiter-Event, auf historische Daten zurückgreifen wollen und dabei feststellen, dass ihnen die Basis fehlt. Gerade wenn kommende Ereignisse bekannt sind, sollten frühzeitig Maßnahmen ergriffen werden. Nicht alles muss aufgehoben werden – wir helfen, die archivwürdigen Unterlagen zu identifizieren und richtig zu verwahren. Wir heben auch „Schätze“ – manche Unternehmerinnen und Unternehmer sind ganz begeistert, wenn sie sehen, welche Urkunden, Gemälde, Briefe und Fotografien sich in ihrem Besitz befinden. Neben der inhaltlichen Erschließung ist die konservatorische Behandlung ein Teil der Tätigkeit. Wichtig ist auch, dass bei der digitalen Aufbewahrung Richtlinien erlassen werden, ein Dokumentenmanagementsystem unterstützt und Zugriffsberechtigungen erteilt werden.

Köln ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts Standort der Chemieindustrie, hier die „Chemische Fabrik Kalk“ ca. 1900

Köln ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts Standort der Chemieindustrie, hier die „Chemische Fabrik Kalk“ ca. 1900

DIE WIRTSCHAFT: Wie hat sich die Kölner Wirtschaft in den vergangenen Jahren entwickelt? – Was läuft, und wo hapert es?

Dr. Ulrich Soénius: Köln hat immer von seiner wirtschaftlichen Vielfalt, von dem Engagement der Unternehmerinnen und Unternehmer für die Stadt und die Gesellschaft sowie von der Weltoffenheit profitiert. Wenn dies nachließ, lief es meist auch schlecht. In den letzten 200 Jahren sind Berufe und Branchen gekommen und wieder verschwunden: Denken Sie nur an die Knechte, die die Treidelpferde stromaufwärts auf dem Leinpfad führten – die Dampfschifffahrt löste das Treideln ab, dafür entstanden neue Berufe in der Schifffahrt. Genauso sind in den letzten Jahrzehnten neue Branchen, Unternehmen und Berufe hinzugekommen, auch neue Ausbildungs- und Studiengänge. Auf diese neuen Entwicklungen muss reagiert und ihre Chancen genutzt werden. Das passiert zum Teil auch, gerade bei erfolgreichen Playern wie Messe, Flughafen, NetCologne, RheinEnergie und vor allem bei vielen Mittelständlern, die sich am Markt mit neuen Ideen und Produkten behaupten. Die Unternehmen in der Region sind gut aufgestellt und entwickeln sich stetig weiter.

Köln ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts Standort der ChemieIndustrie, hier die „Chemische Fabrik Kalk“ ca. 1900

Der Ruf nach Bürokratieabbau – ein immerwährendes historisches Phänomen

DIE WIRTSCHAFT: Man hat den Eindruck, Köln steht sich selbst auf den Füßen. Interessante Projekte werden bis auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zerredet, Wichtiges wie der Bau von Schulen und Kitas bleibt liegen oder wird doppelt so teuer wie veranschlagt, vom Bau bezahlbaren Wohnraums ganz zu schweigen – wie kommt das und wie kann man dagegen ankommen?

Dr. Ulrich Soénius: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass mit einer gehörigen Portion Mut und Durchhaltewillen bei gleichzeitiger Kreativität und Entscheidungsfreude die Dinge geregelt wurden. In den schwierigen 1920er-Jahren hatte Oberbürgermeister Konrad Adenauer einen Gestaltungswillen, der viel mit der wirtschaftlichen Entwicklung zu tun hatte. Verwaltung und Politik nahmen Wirtschaftsbelange ernst und schufen dafür die benötigten Rahmenbedingungen. Das historische Vorbild hat heute noch Bestand. Aber die Zeiten sind auch nicht immer zu vergleichen. Zwischen Baubeschluss und Eröffnung der Mülheimer Brücke lagen zweieinhalb Jahre – 1927 waren die rechtlichen Voraussetzungen völlig andere als heute. Viele Unternehmen haben sich trotz der schwierigen Lage in den letzten Jahren auf die veränderten Rahmenbedingungen eingestellt, aber sie benötigen Planungssicherheit mit klaren Fristen und weniger Bürokratie. Der Ruf nach Bürokratieabbau ist aber auch ein immerwährendes historisches Phänomen der letzten 150 Jahre. Leider hat der Staat wenig Einsehen bei der Abschaffung von Gesetzen, Verordnungen und Richtlinien.

DIE WIRTSCHAFT:Wenn Sie als Historiker mal einen Blick in die Zukunft wagen, wo sehen Sie Köln – und besonders die Kölner Wirtschaft – in den kommenden zehn Jahren?

Dr. Ulrich Soénius: Ich bin zuversichtlich, dass die Wirtschaft in der Stadt sich stetig weiterentwickelt und ausgebaut wird. Es gilt aber auch die veränderten Rahmenbedingungen anzuerkennen. Schauen Sie sich nur das Sanitärhandwerk an, das durch den Klimaschutz eine ganz neue Bedeutung gewonnen hat. Es wird neue Industriebranchen geben, die sich niederlassen, und viele mittelständische Unternehmen werden neue Produkte und Ideen entwickeln. Einige Branchen stellen sich bereits auf die Zukunft ein – sehr bedeutsam ist das beim Einzelhandel, der auch eine wichtige stadtentwicklungspolitische Wertigkeit besitzt. Köln war immer eine Handelsstadt – das wird sie auch in zehn Jahren sein, wenn die Infrastruktur und der Erlebnisraum Stadt – Innenstadt und Stadtbezirkszentren – sich fortentwickeln. Da bieten sich auch historische Bezüge an, etwa als Geschichten, die in Erlebniswelten erzählt werden.

In der Gummifabrik von Franz Clouth nähen 1910 Arbeiterinnen Hüllen für Ballons

In der Gummifabrik von Franz Clouth nähen 1910 Arbeiterinnen Hüllen für Ballons

DIE WIRTSCHAFT: Das RWWA ist ja eine Stiftung – warum wurde dieses Konstrukt gewählt, wo liegen die Vorteile?

Dr. Ulrich Soénius: Das RWWA ist 2000 in eine Stiftung umgewandelt worden, um einerseits der Institution gesicherte Bedingungen zu verschaffen und sie für die „Ewigkeit“ zu erhalten, andererseits aber auch, um ihre Bedeutung und die lange Tradition herauszustellen. Das RWWA ist eine starke Marke, aber die Stiftung verleiht ihr große Solidität.

DIE WIRTSCHAFT: Als Vorstandsvorsitzender des Vereins Kölner Stiftungen e. V. liegt Ihnen das Thema besonders am Herzen – warum sollte man darüber nachdenken, in eine Stiftung zu investieren?

Dr. Ulrich Soénius: Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben etwas Bleibendes geschaffen und wollen einen Teil davon an die Gemeinschaft zurückgeben. Meist verbinden sie das mit einem Zweck, der ihnen am Herzen liegt, aber es gibt auch Menschen, die allgemein fördern wollen. Es gibt so viele gute Dinge, die getan werden können, da fehlt es manchmal nur an einer Person, die die Dinge in die Hand nimmt. Dafür sind Unternehmerinnen und Unternehmer prädestiniert. Es ist nicht nur die Anlage von Kapital, das an die gute Sache gebunden wird, sondern auch der gute Zweck, der animiert. Stiftungen sind eng an den Stifterwillen gebunden – diese Erfahrung, mit einer Stiftung etwas Gutes zu tun, prägt die Menschen. Und ich finde es völlig normal und überhaupt nicht falsch, die Stiftung mit dem eigenen Namen zu versehen. So werden Frauen und Männer zu namentlich bekannten Vorbildern, die andere wiederum motivieren. Als Beispiel nenne ich Hans Imhoff, der mit der Imhoff-Stiftung eine vorbildliche Stiftung ins Leben gerufen hat und in der die Familie sich weiter engagiert. So schafft Stiften Freude und Freunde.


Daten, Fakten und Ansprechpartner
Die Stiftung Rheinisch-Westfälisches  Wirtschaftsarchiv zu Köln (RWWA) ist seit 1906 das regionale Wirtschaftsarchiv für das Rheinland. Es hat die Aufgabe, Wirtschaft zu dokumentieren.  Das RWWA bietet ca. 700 Bestände aus dem 16. bis zum 21. Jahrhundert zur  Benutzung an: 21,5 lfd. Regalkilometer Akten, Fotos, Filme, Drucksachen, Firmenfestschriften und Zeitungsausschnitte. Es berät Unternehmen bei  der Einrichtung von Archiven.

Ansprechpartner:
Dr. Ulrich S. Soénius (Direktor)
Tel. 0221 1640-4800
E-Mail: rwwa@koeln.ihk.de
Internet: www.rwwa.de

(Heribert Eiden und Eugen Weis)

Dieses Interview erschien in der Ausgabe DIE WIRTSCHAFT 04.2023

Bildquellen

  • Schwebebahntest: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
  • Ein Blick in das Hauptmagazin des RWWA: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
  • Chemie Industrie: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
  • Gummifabrik: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln
  • Dr. Ulrich S. Soénius: Alex Weis

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