Tinnitus

Wenn es im Ohr niemals still wird

by Diana Pohl
Frau mit Hörgerät

Tinnitus bezeichnet die Wahrnehmung von Geräuschen im Ohr oder Kopf, die keine äußere Schallquelle haben und nicht als Halluzination gewertet werden. Betroffene hören zum Beispiel ein Pfeifen, Summen, Brummen oder Rauschen, manchmal auch ein Zischen, Klingeln, Piepsen, Sausen oder Pulsieren – und das dauerhaft oder phasenweise. 

Tinnitus ist keine Krankheit im engeren Sinne, sondern ein Symptom, das viele Ursachen haben kann. Es kann plötzlich auftreten oder sich schleichend entwickeln. Häufig ist nur ein Ohr betroffen, manchmal auch beide, mitunter werden die Geräusche auch im Kopf wahrgenommen.

Wann tritt Tinnitus auf?

Tinnitus kann in verschiedensten Situationen auftreten – nach einer Lärmbelastung, im Zusammenhang mit einer Hörminderung oder als Begleiterscheinung anderer Erkrankungen. Manchmal lässt sich keine eindeutige Ursache finden. Besonders belastend ist der Tinnitus oft in ruhigen Momenten – abends im Bett oder in stillen Räumen. Dann tritt das Ohrgeräusch besonders deutlich in den Vordergrund, weil keine Umgebungsgeräusche es überdecken.
Stress, psychische Belastungen oder körperliche Anspannung können das Geräusch verstärken. In akuten Fällen besteht Tinnitus oft nur wenige Tage oder Wochen. Wenn er länger als drei Monate anhält, spricht man von chronischem Tinnitus.

Wie häufig kommt Tinnitus vor?

Tinnitus ist keine Seltenheit. Schätzungsweise 15Prozent der europäischen Bevölkerung sind betroffen. Bei einem Teil der Betroffenen ist das Ohrgeräusch nur leicht ausgeprägt und kaum störend – sie kommen im Alltag gut damit zurecht. Andere leiden jedoch stark unter dem Tinnitus, der ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.

Medizinisch wird anhand folgender Kriterien unterschieden:

  • Objektiver oder subjektiver Tinnitus: Während beim äußerst selten vorkommenden objektiven Tinnitus das Ohrgeräusch auf eine körpereigene Schallquelle in der Nähe des Ohres zurückzuführen ist, liegt beim subjektiven Tinnitus weder eine externe noch eine interne Schallquelle vor. Es wird angenommen, dass die Geräuschwahrnehmung durch eine fehlerhafte Informationsverarbeitung im Innenohr bzw. im auditorischen System entsteht.
  • Akuter oder chronischer Tinnitus: Ab einer Dauer von mindestens drei Monaten gilt ein Tinnitus als chronisch. Die Unterscheidung zwischen akut und chronisch ist hinsichtlich der Behandlung von großer Bedeutung. Plötzlich auftretende und seit Kurzem bestehende Ohrgeräusche können ggf. auf eine akute Funktionsstörung im Innenohr zurückzuführen sein, deren Ursache durch eine gezielte Behandlung beseitigt werden kann.
  • Kompensierter Tinnitus oder dekompensierter Tinnitus: Diese Unterscheidung bezieht sich auf die psychische Belastung für den Betroffenen. So wird das Ohrgeräusch bei einem kompensierten Tinnitus zwar wahrgenommen, aber es verursacht keine oder nur geringe Belastungen. Anders bei einem dekompensierten Tinnitus. Hier führt das Geräusch zu starken Beeinträchtigungen – etwa zu Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Rückzug aus dem sozialen Leben oder sogar zur Einschränkung der Arbeitsfähigkeit.

Welche Untersuchungen sind sinnvoll?

Tritt Tinnitus neu auf, sollte möglichst früh ein Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde (HNO) aufgesucht werden. Dieser kann mögliche Ursachen abklären und ausschließen, dass eine ernste Grunderkrankung dahintersteckt.

Folgende Untersuchungen sind üblich:

  • Hörtest (Audiometrie): um zu klären, ob eine Hörminderung besteht.
  • Tinnitusbestimmung: ermittelt die subjektiv wahrgenommene Tonhöhe und Lautstärke des Tinnitus.
  • Ohrmikroskopie: Untersuchung des Trommelfells und des Gehörgangs.
  • Bildgebung (z. B. MRT): nur in Einzelfällen notwendig, etwa bei Verdacht auf Tumoren oder Gefäßanomalien.
  • Gleichgewichtstests oder neurologische Untersuchungen, falls weitere Symptome vorliegen.

Zudem wird häufig die individuelle Belastung durch den Tinnitus mithilfe spezieller Tinnitusfragebögen erfasst. Sie helfen, den Schweregrad und die Auswirkung auf das tägliche Leben besser einzuschätzen und die richtige Therapie auszuwählen.

Welche Therapien gibt es?

Tinnitus ist in vielen Fällen behandelbar – auch wenn es derzeit keine Methode gibt, ihn vollständig zu beseitigen, wenn er chronisch geworden ist. Ziel jeder Behandlung ist es daher, den Umgang mit dem Ohrgeräusch zu verbessern, es in den Hintergrund treten zu lassen und die eigene Lebensqualität zurückzugewinnen.

Je nach Schweregrad der Belastung stehen verschiedene Therapieformen zur Verfügung:

  • Counseling: Aufklärung über das Phänomen Tinnitus. Das Wissen darüber kann bereits entlastend wirken.
  • Psychotherapie: besonders hilfreich bei dekompensiertem Tinnitus, um mit Ängsten, Stress oder Depressionen umzugehen.
  • Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT): verknüpft Beratung mit der gezielten Gewöhnung an das Ohrgeräusch durch Umlenkung der Höraufmerksamkeit, der Tinnitus wird „zurücktrainiert“.
  • Anpassung von Hörgeräten: Bei begleitendem Hörverlust werden heute in erster Linie Hörgeräte eingesetzt, da sie nicht nur die Hörfähigkeit verbessern, sondern auch die Tinnituswahrnehmung positiv beeinflussen – ohne zusätzliches Rauschen.
  • Entspannungsverfahren: Techniken wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung oder Achtsamkeitsübungen helfen, den Stresslevel zu senken.
  • Tinnitus-Apps: Digitale Anwendungen bieten Übungen zur Entspannung, Klangtherapien und Informationen.
  • Die Verwendung von sogenannten Noisern (Rauschgeneratoren), also Geräten, die kontinuierlich ein sanftes Hintergrundrauschen erzeugen, war früher ein gängiger Bestandteil der Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Aktuelle Leitlinien und moderne tinnituszentrierte Therapiekonzepte empfehlen jedoch zunehmend, auf Noiser zu verzichten, insbesondere bei normalem Hörvermögen.

Die Behandlungen können ambulant, teilstationär oder stationär erfolgen – abhängig vom Leidensdruck und von den individuellen Bedürfnissen. Nicht alle Therapieformen werden jedoch von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen.

Der Weg zum besseren Umgang

Ein wichtiger Bestandteil jeder Therapie ist die Erkenntnis: Es gibt aktuell keine Therapie, die einen chronischen Tinnitus heilen kann. Die Behandlung verfolgt daher das Ziel, den Tinnitus zu akzeptieren und einen neuen, selbstbestimmten Umgang mit ihm zu finden. Dieser Prozess ist nicht leicht – aber möglich. Er erfordert Geduld, Zeit und Engagement. Jeder Mensch bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit. Bei manchen dauert es wenige Monate, bei anderen mehrere Jahre, bis der Tinnitus nicht mehr störend wahrgenommen wird.
Ein zentrales Element ist, die eigenen Ressourcen zu stärken: Familie, Freunde, Beruf, Hobbys, spirituelle oder kreative Interessen – alles, was dem Leben Sinn und Halt gibt, kann helfen, den Fokus vom Tinnitus weg und zurück ins Leben zu lenken. Die Erfahrung zeigt: Viele Betroffene schaffen es, wieder Lebensfreude zu empfinden, aktiv zu sein und sich nicht mehr vom Tinnitus bestimmen zu lassen.

Fazit

Tinnitus betrifft viele Menschen – doch die Belastung ist sehr unterschiedlich. Während manche kaum Einschränkungen spüren, leiden andere stark. Eine sorgfältige Diagnose und eine individuell abgestimmte Behandlung sind entscheidend. Auch wenn der Tinnitus nicht vollständig heilbar ist, kann durch professionelle Begleitung und eigene Ressourcen ein Leben mit mehr Ruhe, Gelassenheit und Lebensqualität erreicht werden.

Gastautorin:

Prof. Dr. med. Katrin Eysel-Gosepath
Prof. Dr. med. Katrin Eysel-Gosepath,
hnocologne HNO Gemeinschaftspraxis,
Praxis operativ tätig in der Klinik LINKS VOM RHEIN

Bildquellen

  • Prof. Dr. med. Katrin Eysel-Gosepath,: Marion Koell
  • Frau mit Hörgerät: Foto von GN Group auf Unsplash

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