Die globale Wirtschaft hat sich nachhaltig verändert. Viele Dekaden lang wurde die Globalisierung vorangetrieben, sie war der Motor der Weltwirtschaft, viele Verflechtungen wurden dahin gehend geknüpft. Heute ist die Welt eine andere. Statt sich für die gemeinsame Sache namens Globalisierung starkzumachen, stehen nun viele Nationen ökonomisch tendenziell eher für sich selbst ein. Es wird abgekapselt, die nationalen Interessen werden gepusht, globale Handelsbeziehungen wurden und werden aufgelöst. Dieser Umbruch hat vielerlei Folgen. Im Zuge einiger politisch festgefrorener nationaler Bestrebungen frieren auch entsprechende ökonomische Kooperationen ein. Europa ist da divers. Der Umbruch ist global, doch Länder, wie Deutschland, bemühen sich um neue Handelsbeziehungen. So sind Neuordnungen der wirtschaftlichen Beziehungen auf der Weltkarte sichtbar. Was bleibt, ist die weltweite Tendenz zur Deglobalisierung.
National vs. global
In „Das Ende der offenen Märkte: Geopolitik und Europas Handlungsfähigkeit“ beschreiben Michael Hüther und Simon Gerards Iglesias das Phänomen der Deglobalisierung und ihre Folgen. Protektionismus, der Brexit, der Machtwechsel in den USA mit Trump und seinen Gleichgesinnten in der politischen Führung und der damit einhergehende Politikwechsel hin zum nationalen versus den globalen Gedanken hatten schon längst Umbrüche in der Wirtschaft zur Folge.
Wenn Europa heute aufwacht, was sieht es dann, wenn es aus dem Fenster guckt? Welche Aufgaben stehen bevor? Wie verändert sich die europäische Handlungsfähigkeit im Spannungsfeld von nationalen Interessen und globalen ökonomischen Interessen?
China, USA, Russland
Lange hieß es: Hilfe? Ja natürlich. Trump hat die Rolle der USA als Hegemon jedoch abgelehnt. Der Ausstieg aus Institutionen und wohlwollenden Verbindungen, die jahrzehntelang stabil und gar selbstverständlich waren, wirbelte die Welt umher. „Die Politik der Vereinigten Staaten unter Trump bricht mit diesem Einverständnis und betreibt mit dem Verweis auf Salden in der Handelsbilanz, die aus Gründen nationaler Sicherheit abzulehnen seien, eine Desintegration der Weltwirtschaft.“
Europa brachte das erst einmal in einen schockähnlichen Zustand. Ergo, die Weltordnung muss neu gedacht werden, neue Kooperationen sind notwendig. Wo einst im Sinne der Globalisierung Handelsbarrieren abgebaut wurden, bauten Trump und Konsorten ökonomische Mauern. Die Autoren beschreiben die Beobachtung, dass Amerika die Leitwährungsfunktion infrage stelle, da es „im strukturell starken Dollar eine Belastung für die heimische Industrie“ sehe, „die kaum noch durch Vorteile günstiger Kredite und niedriger Zinsen ausgeglichen werde“. Früher war die „Leitwährungsfunktion ein geopolitisches Machtinstrument“ und brachte eine „Vormachtstellung“ in der Welt ein.
Heute denkt die USA unter Trump beinahe lediglich an das „Kosten-Nutzen-Kalkül“ und befördert sich somit ins gewollte Aus. „America first“. Putins imperialistische Bestrebungen sind Trump sympathisch, solange Putin mit ihm mitspielte. Womöglich aus der heimlich großen Enttäuschung einer gemeinsamen Lösung mit Putin zog Trump weiter in den Nahen Osten, auf der Suche nach neuen Baustellen, die er gedanklich vielleicht als erfolgversprechender sah. China als Hauptgegner der USA erklimmt derweil immer weiter die Stufen hinauf zur globalen Wirtschaftsmacht.
Geopolitik und Geoökonomie
Die Konsequenz laut den Autoren: „Die globalen Machtverhältnisse verändern sich simultan mit den ökonomischen Strukturen. Die Geopolitik dominiert die Geoökonomie.“ Die Autoren ziehen hierbei Clayton heran: „Geopolitik“ gestalte demnach zwischenstaatliche Machtbeziehungen, die sich über Territorien, Militärkapazitäten und Ressourcenausstattungen vollziehen. „Geoökonomie“ hingegen beschreibe die Fähigkeit, wirtschaftliche und finanzielle Asymmetrien so einzusetzen, dass ökonomische und politische Vorteile erzielt werden (vgl. Clayton et al. 2025, S. 2). In der gegenwärtigen Phase der internationalen Beziehungen trete anstelle der Mobilisierung von Kooperationsgewinnen (Geoökonomie) ein kompromissloser Kampf der Nationen um Rohstoffe, Marktanteile und räumlichen Einfluss (Geopolitik).
Was bedeutet das für Europa?
Das bedeute für Europa: neue Finanzierungsmodelle der Verteidigung, eine „regulatorische Öffnung für Techunternehmen“, weniger gewünschte Abhängigkeiten im Energiesektor. Daraus ergibt sich für Europa sowohl ein Schwebezustand als auch ein Muss und eine Chance, sich neu zu positionieren. Für die USA und Konsorten ergebe sich folgende Ironie: „Allerdings stärkt dies nicht etwa die Bereitschaft, die Kosten der Abschottung in Form höherer Preise und geringeren Wachstums zu akzeptieren.“
Wir sind eine Insel
Mit der Schwächung globaler Institutionen gehe auch die Schwächung nationaler Institutionen einher. Schon Obama hatte zudem angekündigt, dass es militärische Einsätze nur noch geben solle, wenn die Sicherheitsinteressen der Vereinigten Staaten direkt betroffen seien. Ansonsten seien die Partner zu einer größeren Beteiligung und Mitverantwortung aufgefordert. China war auch damals der größte Konkurrent, mit allem, was politisch und ökonomisch mitschwingt. Mittlerweile ist die Gesellschaft in den USA so zerrissen – es wächst „der Einfluss der Stimmen, die ein isolationistisches Amerika der weltpolitischen Ordnungsmacht vorziehen“.
Investitionen in die Wissenschaft werden reduziert. Die Konsequenz: „Die Vereinigten Staaten sind unter Präsident Trump dabei, ihre Soft Power zu verspielen.“ Unter Trump sei seit 2025 eine auf Öffnung setzende, zu akzeptablen Transaktionskosten funktionierende Weltordnung politisch wie ökonomisch nicht mehr gegeben. Die „Soft Power“ ist eine Deutungshoheit und Vorbildfunktion in Kultur und Institutionen und die „Hard Power“ eine militärische und ökonomische Macht. Damals: Investitionsentscheidungen konnten viel leichter und unbekümmerter getroffen werden. Heute: Schon durch die seit 2007 aufkeimende Weltwirtschaftskrise ist alles volatiler.
Die Geopolitik wird betont, die gleichmäßige und effiziente Geoökonomie geht zurück. Das bewirke höhere Transaktionskosten. Unsichere Zeiten ergeben unsichere Maßnahmen und das ist teuer. Risiko, Arbeitsteilung und mehr seien nicht mehr so wohlwollend verteilt. Die Politik ziele nun auf eine Kombination von Abschottung durch Sanktionen und Restriktionen – gegen Warenimporte, Kapitalzustrom, Zuwanderung – sowie machtpolitischer Nutzung von Rohstoffzugängen, Datenflüssen, Technologievorsprüngen und Abhängigkeiten in der Wertschöpfung. Die Welt zerfalle in regionale Machtblöcke mit unterschiedlichen und wandelbaren Interessen, Normen und Sicherheitsordnungen. Es komme zu „Win-loss-Situationen“.
Folgen für die EU
In Regionen mit großem Industrialisierungsgrad sei der intraregionale Handel mehr ausgeprägt. Das ist gut für viele europäische Staaten. Hochintegrierte Regionen haben laut den Autoren zudem auf den Exportmärkten eine hohe wirtschaftliche Dynamik. China mache das mit Größe, Umfang und Ressourcen wett. „China folgt einerseits dem Druck der Umweltbedingungen, andererseits dem Ziel einer Skalierung der Produktion grüner Technologien; zugleich verlangt die massive Alterung forcierend eine Ausschöpfung von Produktivitätspotentialen wie durch generative künstliche Intelligenz.“
Die Antwort
Hüther und Iglesias sehen die Lösung nicht in wirtschaftlichen Beziehungen zu den USA und China, sondern in einer Erweiterung gemeinsamer europäischer Märkte. Schon wirksam im Sinne eines „Zweckverbands funktionaler Integration“ nach Hans Peter Ipsen seien die Währungsunion und die Schengen-Gemeinschaft. Weitere Punkte laut Hüther seien eine Investitionsunion, die gemeinsame Energieversorgung, eine Kapitalmarktunion und die Gewährleistung äußerer Sicherheit für eine Verteidigungsunion. Die europäische Verhandlungsmacht auf dem Weltmarkt solle deshalb gebündelt werden, Transport- und Kommunikationsinfrastruktur ausgebaut werden, der staatlich-europäische Kapitalstock verbessert werden wie auch der Zugang zu Ressourcen in Drittstaaten. Laut den Autoren würde damit gleichzeitig die traditionelle, an Nützlichkeit orientierte Output-Legitimation der Union in eine Input-Legitimation überführt werden, die an demokratische Zustimmung ausgerichtet sei. „Mit dem Konzept der spezifischen Zweckverbände ließe sich das Interesse der Bürger an einer sicheren und prosperierenden Union mit nationalem Identitätsbewusstsein verknüpfen.“
Karoline Sielski
