Es wurde spät und später. Irgendwann war es zu spät. Ministerpräsident Wüst war lange schon gegangen, als in Köln – um drei Uhr morgens – die Stimmen zur Olympia-Bewerbung ausgezählt waren. 57,4 Prozent waren für die Spiele. Solche Ereignisse sagen mehr über eine Stadt als manche Grundsatzrede. Köln hat große Bilder im Kopf. Ebenso ist es imstande, sich in sich selbst zu verheddern.
In solcher Gemengelage ist Torsten Burmester angetreten. Seit 1. November 2025 ist er Oberbürgermeister (OB). Er kommt aus der Verwaltung und hat gelernt, Strukturen zu lesen, Prozesse zu verstehen, Erwartungen zu sortieren. Kanzleramt, Ministerialverwaltung, Deutscher Olympischer Sportbund – diese Stationen stehen für Arbeit im Hintergrund. Sachstände ermitteln und Politik damit erst möglich machen, ist die Devise.
Verwaltungsprofi in der Politik
Politik ist das Gegenteil. Nun steht Burmester vor einer neuen Aufgabe, denn in Nordrhein-Westfalen ist der Oberbürgermeister Chef der Verwaltung und politischer Repräsentant zugleich. Seit mehr als einem halben Jahr wacht der 62-Jährige über 1,1 Millionen Kölner, einen zerrissenen Haushalt, eine renovierungssüchtige Infrastruktur und einen Stadtrat, der sich gerne selbst im Weg steht. Dann muss er nicht für Entscheidungen geradestehen.
Das ist ein anderes Handwerk. Wer aber aus der Verwaltung kommt, kennt die Apparate von innen. Er weiß, wo die Hebel sitzen, welche Entscheidung welches Verfahren auslöst, wie man Prozesse so anlegt, dass sie Ergebnisse produzieren. Theoretisch könnte das ein echter Wert sein, er verkam bei Burmesters Vorgängerin indes zur hohlen Phrase, obwohl Henriette Reker doch aus der Verwaltung kam. Da wollte nur wenig gelingen. Auf jeden Fall braucht Köln jemand mit Sinn für Struktur. Regelmäßig mutieren Großprojekte zu Kostenfallen, ist Sanierung zum Lebensgefühl geworden. Vor diesem Hintergrund ist bereits Burmesters Ziel, die Stadt Köln wieder funktionsfähig zu machen, in hohem Maße ehrgeizig.
Eine Stärke mit Preisschild
Was auffällt, ist, dass der OB nicht mit der Faust auf den Tisch haut, wie ein routinierter Politiker das allein um der Wirkung willen öffentlich tun würde. Zum Beispiel, als ihn die Etatlage zu Beginn seiner Amtszeit überraschend zwang, eine Kostensperre zu verhängen. Stattdessen zeigt er die Ruhe eines Menschen, der mit schlechten Nachrichten umzugehen weiß, noch bevor sie politisch verwertet werden.
Das ist eine Stärke, doch hat sie einen Preis. Politik ist eben nicht Verwaltung. Überspitzt formuliert ist Politik Auseinandersetzung und Streit, der strukturiert werden muss. Politik ist der Stadtrat, in dem die Grünen eigene Prioritäten verfolgen, die CDU intern mit sich beschäftigt ist und die SPD nach außen leiser wirkt, als es ihrer Rolle entspricht. Dieses Gefüge lässt sich nur durch Verhandeln bündeln und vielleicht durch den lauten Moment, der klarstellt, wer das Heft in der Hand hält. Das sind irgendwie alle und keiner, doch auf jeden Fall der Oberbürgermeister. Ist der OB Burmester bereit für diesen Moment?
Der Neue zeigt Gestaltungswillen. Dem offenen Drogenkonsum im Stadtzentrum hat er den Kampf angesagt, ohne allein auf Verdrängung der Suchtkranken zu setzen. Das klingt nach sozialer Fußnote, ist aber mehr: Es ist die Bereitschaft, ein Thema zu besetzen, das Vorgänger achselzuckend links liegen ließen. Ordnen, ohne wegzuschieben, ist ein Ansatz, der beides verlangt: den Administrator und die öffentliche Haltung des Politikers.
Mehr Macht für die Grünen?
Hinzu kommt eine machtpolitische Frage. Wenn die führungsstarke Kämmerin Dörte Diemert zur Stadtdirektorin aufsteigt, entsteht neben dem Oberbürgermeister ein zweites Zentrum. Kritiker bemängeln den Machtzuwachs für die Grünen.
Wer aus dem Apparat kommt, hat gelernt, Ergebnisse zu liefern, ohne im Rampenlicht zu stehen. In der Politik wird Stille jedoch oft missverstanden als Orientierungslosigkeit, als Schwäche, als Ausbleiben. Oder ist es gar kein Missverständnis?
Klarstellen kann das nur einer. Der Oberbürgermeister selbst. Um Kölns willen.
Peter Pauls
Ehrenvorsitzender des Kölner Pressclubs e.V.
