Koelnmesse-CEO Gerald Böse im Interview über Transformation, Nachhaltigkeit, globale Wachstumsstrategien und das größte Investitionsprogramm in mehr als einem Jahrhundert Unternehmensgeschichte.
Koelnmesse 3.0: Das Fundament für die nächsten Generationen
Die Wirtschaft: Die Koelnmesse stellt sich rundum für die Zukunft auf. Welche Leitlinien stecken hinter dem Großprojekt Koelnmesse 3.0?
Gerald Böse: Koelnmesse 3.0 läuft seit 2015 und ist das größte Investitionsprogramm in der mehr als 100-jährigen Geschichte unseres Unternehmens. Bis 2040 investieren wir rund eine Milliarde Euro in unser Gelände. Wir machen unsere Flächen und die Infrastruktur flexibler, digitaler, effizienter und nachhaltiger. Weil sich die Anforderungen ändern, schaffen wir zum Beispiel Orte, die Messe, Kongress und Ereignisse noch enger verbinden. Das 2024 eröffnete Confex ist dafür das sichtbarste Beispiel. Aber Koelnmesse 3.0 geht tiefer: umfassende Sanierungen, neue Energiekonzepte, digitale Infrastruktur, smarte Verkehrssteuerung und rundum mehr Aufenthaltsqualität. Diese Arbeit hinter den Kulissen hat ein großes Ziel: Wir bauen den Messeplatz für die nächsten Generationen. Damit Köln weiterhin zu den attraktivsten der Welt gehört.
Das Confex als neuer Katalysator in der Champions League
Die Wirtschaft: Sie haben das Confex erwähnt, das pünktlich zum 100. Jubiläum der Koelnmesse eröffnet wurde. Welche Eindrücke konnten Sie bis heute zum Confex sammeln?
Gerald Böse: Das Confex hat vom ersten Tag an geliefert. Binnen zwölf Monaten fanden dort 41 Veranstaltungen mit rund 45.000 zusätzlichen Gästen statt. Die Buchungen und Reservierungen reichen schon jetzt bis ins Jahr 2032. Das zeigt: Wir haben während der Pandemie nicht am Markt vorbei gebaut, sondern ganz im Gegenteil wirklich einen Nerv getroffen.
Die Wirtschaft: Wo macht sich das besonders bemerkbar?
Gerald Böse: Besonders deutlich zeigt sich das bei großen medizinischen Kongressen. Die erste Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Notfallmedizin im Confex kam auf 3.000 Teilnehmende statt 1.500 wie sonst. Die DGHO-Jahrestagung der Hämatologen und Onkologen erreichte 6.800 Teilnehmende statt der erwarteten 5.000. Genau dafür ist das Confex gebaut: für Kongresse, die wachsen wollen, und für Veranstalter, die Messe, Wissenstransfer und Begegnung verbinden möchten. Das hebt uns in die Champions League der Kongressstandorte und bringt neues Geschäft nach Köln.
Effiziente Prozesse durch smarte Logistik und Mobilität
Die Wirtschaft: Was bringen neue Verkehrsmaßnahmen konkret im täglichen Geschäft?
Gerald Böse: Ein Messeplatz unserer Größe funktioniert nur, wenn Logistik, Anreise und Verkehrslenkung reibungslos ineinandergreifen. Mit unserem smarten Logistikmanagement eSlot haben wir den Lkw-Verkehr im Auf- und Abbau neu geordnet. Lkw buchen feste Zeitfenster und werden über unsere NUNAV-Navigationsapp passend zur richtigen Ladeposition geführt. Das reduziert Staus, Wartezeiten, Lärm und Emissionen. Der Erfolg ist messbar, wie uns auch die Stadt bestätigt. Für Aussteller bedeutet das flüssigere Prozesse und mehr Planungssicherheit. Für die Nachbarschaft heißt es: spürbar weniger Beeinträchtigung – selbst rund um unsere größten Messen. Gleichzeitig werden unsere Abläufe effizienter und schaffen Raum für Wachstum.
Digitale Infrastruktur als strategischer Wettbewerbsvorteil
Die Wirtschaft: Ein wichtiger Bereich ist zudem die digitale Infrastruktur. Bitte erläutern Sie die bisherigen und die zukünftigen Maßnahmen.
Gerald Böse: Digitalisierung entscheidet heute darüber, ob Aussteller und Besuchende maximalen Nutzen aus einer Messe ziehen. Für uns ist sie daher ganz klar ein Alleinstellungsmerkmal und Wettbewerbsvorteil. Wir setzen digitale Technologien direkt auf den Veranstaltungen ein: vom KI-gestützten Simultandolmetscher bei Vorträgen und Diskussionen bis hin zu Systemen, die Besuchende und Aussteller anhand gemeinsamer Interessen in den Hallen und nach der Messe gezielt zusammenbringen. Solche Angebote funktionieren nur, wenn die technische Grundlage da ist. Deshalb investieren wir in Glasfaser, Hochleistungs-WLAN, Indoor-Geolocation, digitale Leitsysteme und die Entwicklung datenbasierter Services.
Die Wirtschaft: Haben Sie da ein Beispiel?
Gerald Böse: Bei der gamescom lan zum Beispiel haben wir die Bandbreite zuletzt auf 160 Gigabit pro Sekunde verdoppelt, um eine der schnellsten Messen der Welt zu sein. Gleichzeitig entwickeln wir unsere Messen gezielt zu digitalen Plattformen weiter. Der persönliche Kontakt vor Ort bleibt zentral, aber digitale Angebote und Kanäle verlängern die Reichweite und Geschäftsanbahnung weit über den Messetermin hinaus.
Bildquelle Rüdiger Nehmzow, Koelnmesse GmbHGerald Böse, Vorsitzender der Geschäftsführung
Grüne Energie: Der Fahrplan zur klimaneutralen Messe
Die Wirtschaft: Nachhaltigkeit ist ebenfalls ein Erfolgsthema des Projekts Koelnmesse 3.0. Wie hat die Koelnmesse das geschafft?
Gerald Böse: Nachhaltigkeit war von Anfang an Kernbestandteil von Koelnmesse 3.0. Wir sanieren und modernisieren unser Gelände bis 2040 fortwährend. Zum einen senken wir damit den Energiebedarf und zum anderen bauen wir parallel die Energieversorgung grundlegend um. Heute betreiben wir Kölns größte innerstädtische Fotovoltaikanlage auf unseren Hallendächern.
Die Wirtschaft: Wie groß ist der Beitrag dieser Anlage?
Gerald Böse: Mit rund 20.000 Quadratmeter Modulfläche und einer Jahreskapazität von drei Millionen Kilowattstunden Solarstrom kann sie unsere Grundlast decken und hilft uns, etwa 1.850 Tonnen CO₂ pro Jahr einzusparen.
Die Wirtschaft: Ist da noch mehr geplant?
Gerald Böse: Die Dächer der Nordhallen werden gerade Stück für Stück erneuert und fit gemacht für noch mehr Fotovoltaik. Zugleich stellen wir bis 2028 unsere Wärmeversorgung um: komplett weg von erdgasbasierter Heizung, hin zu Geothermie und Abwärmenutzung. Damit sparen wir künftig noch einmal 5.800 Tonnen CO₂ pro Jahr und machen uns zudem unabhängiger von steigenden Preisen für fossile Energieträger. Auch das Confex wurde nach höchsten Umwelt- und Effizienzstandards gebaut. Das Gleiche haben wir vor bei unserer geplanten neuen Unternehmenszentrale. Die Richtung ist klar: Wir wollen unser Messegeschäft hier in Köln maximal zukunftssicher, wachstumsstark und nachhaltig gestalten.
Globale Reichweite und regionale Wirtschaftskraft
Die Wirtschaft: Wie ist der aktuelle Stand im Hinblick auf die erweiterten Internationalisierungsbestrebungen der Koelnmesse?
Gerald Böse: Internationalität ist ein weiterer Kern unserer Strategie. Unsere Veranstaltungen in Köln ziehen Aussteller und Besuchende aus der ganzen Welt an. Zugleich sind wir mit eigenen Messen und mittlerweile elf Tochterunternehmen weltweit auf internationalen Märkten active. Dieses globale Netz bauen wir konsequent weiter aus. 2025 fanden 38 unserer 79 Veranstaltungen im Ausland statt. Für das Jahr 2026 planen wir 42 Auslandsveranstaltungen, darunter zehn Premieren.
Die Wirtschaft: Was bedeutet das für den Heimatstandort Köln?
Gerald Böse: Jede unserer internationalen Satellitenveranstaltungen zahlt ein auf die Leitmessen in Köln. Sie schaffen Nähe zu Märkten, öffnen neue Zugänge für den Mittelstand und erhöhen die Strahlkraft unserer Markenfamilien weltweit.
Die Wirtschaft: Es sind beachtliche Investitionen, die das Großprojekt Koelnmesse 3.0 stemmt. Auf bisherigen Erfolgen aufbauen zu können, ist eine fantastische Voraussetzung …
Gerald Böse: Ja. Wir investieren in unsere Stärken, die wir in gut 100 Jahren Unternehmensgeschichte aufgebaut haben. Die Koelnmesse verfügt über starke Leitmessen, international erfolgreiche Markenfamilien, ein erfahrenes Team und einen unvergleichlichen City-Standort im Herzen Europas. Das zahlt sich im Übrigen auch für Köln und die Region aus. Jeder Euro Umsatz der Koelnmesse entfaltet ein Vielfaches an Wirkung in unserem direkten und indirekten Umfeld – in Hotellerie, Gastronomie, Handel, Handwerk, Logistik und Dienstleistungen. Deshalb ist Koelnmesse 3.0 letztlich eine Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Köln.
Die Wirtschaft: Was ist im Verlauf des Jahres 2026 und darüber hinaus noch konkret geplant?
Gerald Böse: Es laufen derzeit gleich mehrere große Einzelprojekte parallel. Dazu gehören die Sanierung des Congress-Centrum Ost sowie der Rheinterrassen und die angesprochene Dachsanierung der Nordhallen. Und bei der Geothermie biegen wir 2026 auf die Zielgerade ein, wenn wir bis Ende des Jahres die erste von drei Wärmepumpen installieren. Ein weiterer Meilenstein 2026 ist die gerade eingeweihte Wasserstofftankstelle für unsere erste Gabelstaplerflotte, die mit grünem Wasserstoff betrieben wird. Das ist im deutschen Messegeschäft ein Novum und für uns ein weiterer Baustein im nachhaltigen und zukunftsweisenden Technologie-Ökosystem, das wir mit Koelnmesse 3.0 aufbauen.
Karoline Sielski
