Wenn Ulrich Voigt¸ Vorstandsvorsitzender der Sparkasse KölnBonn, über die Sparkasse spricht, dann tut er das mit ruhiger Stimme und klaren Worten. Seit Mai 2019 steht er an der Spitze der Sparkasse KölnBonn, der zweitgrößten kommunalen Sparkasse Deutschlands. Mit Die Wirtschaft sprach er unter anderem über die Balance zwischen digitaler Zukunft, regionaler Verantwortung und was es für ihn bedeutet, sich gesellschaftlich zu engagieren.
Die Wirtschaft: Herr Voigt, Sie sind seit über 40 Jahren bei der Sparkasse. Warum haben Sie sich damals für die Sparkasse entschieden?
Ulrich Voigt: Ich habe früh gemerkt, dass mir die Arbeit mit Menschen liegt. An der Sparkasse hat mich zudem gereizt, dass mir hier viele Wege offenstanden. So habe ich meine Ausbildung zum Bankkaufmann im Vertrieb der damaligen Stadtsparkasse Köln gestartet.
Ein weiterer Grund, dass ich mit der Sparkasse KölnBonn eng verbunden bin, ist ihre Ausrichtung als gemeinwohlorientiertes Kreditinstitut mit öffentlichem Auftrag. Ich habe das immer auch als Auftrag gesehen, Verantwortung in der Gesellschaft zu übernehmen. Diese Ausrichtung und meine persönliche Grundhaltung haben mich durch die Stationen getragen – vom jungen Auszubildenden über die Rolle als Abteilungsleiter, später Bereichsleiter bis hin zum Vorstandsmitglied und seit sechs Jahren als Vorstandsvorsitzender.
Die Wirtschaft: Ihre Sparkasse hat viele Herausforderungen gemeistert – war das ein steiniger Weg?
Ulrich Voigt: Er war fordernd, aber nie steinig. Wir hatten 2018/19 damit begonnen, unsere Sparkasse von Grund auf zu modernisieren. Gleichzeitig ermöglichte dies uns auch, einen komplett neuen Blick auf unser Haus zu werfen, den aktuellen Status zu analysieren, die richtigen Strategien daraus abzuleiten und sie Schritt für Schritt umzusetzen. Auch die letzten Jahre waren herausfordernd, weil man den Eindruck bekam, die Welt komme nicht mehr zur Ruhe. Meine Devise ist hier: Hoffnung gibt es immer – Optimismus ist Pflicht.
Zudem sind Krisen oft Anlass, Althergebrachtes zu überdenken oder gar über Bord zu werfen und sich neu aufzustellen. Aus dieser Herangehensweise erwächst Resilienz. Und man wächst mit der Verantwortung. Ich hatte immer das Gefühl, gestalten zu können; das motiviert mich bis heute.
Die Wirtschaft: Worin sehen Sie aktuell besondere Herausforderungen?
Ulrich Voigt: Die größte Herausforderung sehe ich darin, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Wir wollen dazu unseren Beitrag leisten, auch als Wegbegleiter der dringend notwendigen Transformation. Mit unserem eigenen Nachhaltigkeits-Know-how, 160 ausgebildeten Sustainable-Finance-Beratenden, der Software Nawisio für ein strukturiertes und effizientes Managen von Nachhaltigkeit sowie unserem Partner ProEco Rheinland sehen wir uns hier bestens aufgestellt.
Eine ganz eigene Art der Herausforderung, aber auch ein besonderes Gestaltungsmittel ist die KI. Die generative künstliche Intelligenz verbreitet sich immer mehr, insbesondere durch ChatGPT. Das ist ein Riesenschritt, den wir alle da erleben. In der Sparkassenfamilie übernehmen wir hier ganz bewusst eine Vorreiterrolle.
KI schafft Freiräume für die wesentlichen Aufgaben
Die Wirtschaft: Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz für die Sparkasse KölnBonn?
Ulrich Voigt: Eine zentrale – aber nicht um der Technik willen. Wir nutzen KI gezielt, um unseren Kundinnen und Kunden moderne, individuelle Lösungen anzubieten, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. Gleichzeitig entlasten wir unsere Mitarbeitenden von zeitraubenden Routinetätigkeiten; sie haben so mehr Zeit, sich ihren Kundinnen und Kunden zu widmen. Es geht darum, Technik in den Dienst des Menschen zu stellen – nicht umgekehrt. Damit steuern wir auch dem Fachkräftemangel entgegen. In den nächsten Jahren wird eine große Zahl an Mitarbeitenden aus der Boomer-Generation unser Haus verlassen und in Rente gehen.
Die Wirtschaft: Wie sieht Ihre konkrete KI-Strategie aus?
Ulrich Voigt: Unsere KI-Strategie ist eng mit unseren Zielen verknüpft: Digitalisierung, Kundenorientierung, Nachhaltigkeit und Agilität. Wir setzen KI dort ein, wo sie echten Mehrwert schafft – etwa bei der Automatisierung von Routineprozessen, in der Datenanalyse oder beim Einsatz digitaler Assistenzsysteme. Besonders in der Kundenkommunikation hilft KI uns, einfache Anfragen rund um die Uhr effizient zu beantworten. Das stärkt die Servicequalität und gibt den Beraterinnen und Beratern mehr Zeit für komplexere Anliegen. Auch mehrsprachige Angebote können wir dadurch ausweiten.
Die Wirtschaft: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Chancen – und wo die Grenzen?
Ulrich Voigt: KI kann viel, aber sie ersetzt keine Empathie, kein Zuhören, kein echtes Gespräch. Gerade in einer zunehmend digitalen Welt gewinnt der menschliche Faktor an Bedeutung. Wir wollen Orientierung und Sicherheit bei den eigenen Finanzen geben – nicht Technik zum Selbstzweck anbieten. Die Grenze liegt dort, wo KI die Beziehung zum Kunden entmenschlichen würde. Deshalb gilt für uns: KI unterstützt, aber ersetzt nicht.
Die Wirtschaft: Wie nehmen Sie die Mitarbeitenden auf diesem Weg mit?
Ulrich Voigt: Durch Transparenz und Beteiligung. Wir investieren in Schulungen, bieten Freiräume für Weiterbildung und fördern eine Kultur der Offenheit. Die technologische Entwicklung kann nur erfolgreich sein, wenn die Menschen dabei nicht den Anschluss verlieren. Wir arbeiten deshalb intensiv daran, ein Umfeld zu schaffen, in dem sich alle sicher und mitgenommen fühlen. Unsere Devise lautet: nicht überrollen, sondern befähigen.

„KI kann Menschen nicht ersetzen, aber ihnen Freiräume für die wirklich wichtigen Aufgaben schaffen“
„Füreinander hier“ – Verantwortung für die Region
Die Wirtschaft: Was bedeutet Gemeinwohlorientierung in einer Sparkasse heute?
Ulrich Voigt: Das ist kein neues Konzept für uns. Verantwortung für unsere Region ist schon immer Teil unserer Identität gewesen. Als Sparkasse haben wir eine soziale Ader; das war schon bei unserer Gründung vor 200 Jahren so und setzt sich heute fort. Wir engagieren uns auf vielen Ebenen – sei es durch die Förderung von Bildungsprojekten oder Vereinen, von Sozialeinrichtungen oder durch die Unterstützung nachhaltiger Projekte. Auf diese Art und Weise sind wir „Füreinander hier“.
Die Wirtschaft: Wie sichern Sie die regionale Verankerung trotz zunehmender Digitalisierung?
Ulrich Voigt: Unser Markenclaim „Füreinander Hier“ bringt es auf den Punkt: Wir sind und bleiben ein verlässlicher Partner für Köln und Bonn – digital und vor Ort. Das persönliche Gespräch wird bei uns nicht ersetzt, sondern ergänzt. Wir investieren weiter in unsere Standorte, in die persönliche Beratung und zugleich in moderne digitale Services. Nur so schaffen wir Nähe auf allen Kanälen.
Übrigens halten wir unsere Ausstattung mit rund 350 Geldautomaten seit Jahren stabil und nehmen unseren Auftrag der Bargeldversorgung ernst. Denn Bargeld wird auf absehbare Zeit weiter eine Rolle spielen, auch wenn z. B. das neue europäische Zahlungsverfahren Wero immer beliebter wird.
Die Wirtschaft: Inwiefern sehen Sie die Sparkasse auch als gesellschaftlichen Akteur?
Ulrich Voigt: Ganz klar: Wir sind mehr als ein Finanzdienstleister. Wir sind Teil dieser Städte, dieser Gesellschaft. Deshalb engagieren wir uns für demokratische Werte, haben in diesem Sommer eine große Demokratie-Initiative auf die Beine gestellt, die sehr erfolgreich war. In diesem Rahmen haben wir u. a. ein Theaterstück für Schulen und neuartige Gesprächsrunden für Bürgerinnen und Bürger initiiert. Wir werden unsere Aktivitäten hier weiter fortsetzen. So fördern wir Partizipation und unterstützen Initiativen, die den sozialen Zusammenhalt stärken – gerade in Zeiten, in denen Polarisierung und Unsicherheit zunehmen. Wer lokal stark ist, hat auch eine Verantwortung, diesen gesellschaftlichen Raum mitzugestalten.
Die Wirtschaft: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Investitionen?
Ulrich Voigt: In der Vergangenheit haben wir hier aufgrund unsicherer Rahmenbedingungen eher Zurückhaltung wahrgenommen. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir mittlerweile genügend Instrumente an der Hand haben, um mehr Investitionen in Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Als erste Sparkasse überhaupt wurden wir in diesem Jahr mit dem bundesweiten ESG Transformation Award ausgezeichnet. Anlass war unser S-Transformationskredit, mit dem wir dem Mittelstand eine breite Palette an nachhaltigen Investitionen finanzieren können. Mit attraktiven Fördermitteln wie dem NRW-Programm InvestZukunft bieten sich zusätzlich neue Möglichkeiten, das Thema Nachhaltigkeit im eigenen Betrieb jetzt anzupacken und sich Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Natürlich achten auch wir auf ökologische und soziale Kriterien. Das betrifft u. a. sowohl unsere Eigenanlagen als auch die Beratung unserer Kundinnen und Kunden. Nachhaltigkeit ist kein Trend für uns, sondern eine Daueraufgabe. Wir denken strategisch, langfristig und handeln verantwortungsvoll für die Region.
Die Wirtschaft: Wie erleben Sie die junge Generation bei der Sparkasse?
Ulrich Voigt: Engagiert, kritisch, offen. Und das ist gut so. Ich erlebe viele junge Kolleginnen und Kollegen, die mit neuen Ideen kommen, Dinge hinterfragen und mitgestalten wollen. Wir geben ihnen bewusst Raum dafür – auch durch agile Arbeitsformen und flache Hierarchien. Die Zukunftsfähigkeit unserer Organisation hängt davon ab, wie gut wir die junge Generation einbinden.
Blick nach vorn
Die Wirtschaft: Wo sehen Sie die Sparkasse KölnBonn in fünf Jahren?
Ulrich Voigt: Ich bin überzeugt davon, dass wir unsere Rolle als moderne, verantwortungsbewusste Sparkasse KölnBonn weiter stärken werden. Wir werden noch digitaler, nachhaltiger und agiler sein – ohne unsere Identität aufzugeben. Innovation und Investitionsbereitschaft bleiben dabei zentrale Pfeiler unserer Strategie. Gleichzeitig werden wir immer ein verlässlicher Partner für die Menschen in Köln und Bonn bleiben und persönlich erreichbar. Denn: Die Welt verändert sich – unsere Haltung nicht.
Die Wirtschaft: Was treibt Sie persönlich an?
Ulrich Voigt: Der Wunsch, etwas Sinnvolles zu tun. Ich glaube fest daran, dass Banken heute mehr sein müssen als reine Dienstleister. Wenn wir verantwortungsvoll, innovativ und nah am Menschen handeln, können wir echten gesellschaftlichen Mehrwert schaffen. Das ist mein innerer Kompass – auch der meiner Sparkasse KölnBonn.
Die Wirtschaft: Zum Abschluss: Was ist Ihr persönliches Motto?
Ulrich Voigt: „Man muss Menschen mögen.“ Denn nur dann kann man diesen Beruf mit Leidenschaft ausfüllen. Und genau das versuche ich jeden Tag zu leben.
(Jana Leckel)
Bildquellen
- Ulrich Voigt am Rhein: Sparkasse KölnBonn / Stephen Petrat
- Ulrich Voigt, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse KölnBonn: Sparkasse KölnBonn / Stephen Petrat