Startseite News Was kommt statt dem Braunkohletagebau? Strukturwandel im Rheinischen Revier

Was kommt statt dem Braunkohletagebau? Strukturwandel im Rheinischen Revier

by Redaktion
Brainergy Hub Zentralgebäude

Das Rheinische Revier bzw. das Rheinische Braunkohlerevier erstreckt sich von Köln über Düsseldorf bis Mönchengladbach und von Aachen bis Euskirchen. Ein riesiges Gebiet im Kölner Umland, und damit sind etliche Menschen und ihre Arbeit und ihr Leben hier angesiedelt. Das Ende des Braunkohlebaus führt zu einem Strukturwandel. Rund 14.000 Arbeitsplätze werden entfallen. Die Zukunftsagentur ist als Unternehmen mit Land und Bund im Austausch und Kommunikator des Strukturwandels Rheinisches Revier sowie beauftragt, die Transformationsprozesse zu koordinieren. Sie sagt zum Arbeitsplatzwegfall: „Bei richtiger Weichenstellung und kluger Verwendung der zugesagten Strukturmittel von Bund und Land Nordrhein-Westfalen in Höhe von 14,8 Mrd. € können jedoch bis 2038 rund 27.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden.“ Die Region soll sich sogar zum Pionier für ganzheitliche Nachhaltigkeit und hohe Lebens- und Arbeitsqualität entwickeln. Die Zukunftsagentur sieht es so, dass sie damit das europaweit größte Klimaschutzprojekt steuert. Welche Maßnahmen werden während des Strukturwandels ergriffen?

Der Braunkohleabbau soll bis spätestens 2030 komplett zurückgefahren werden, die Braunkohleverstromung in Deutschland sieht ihrem Ende entgegen. Drei große Braunkohleabbaugebiete liegen im Rheinischen Revier: Inden, Garzweiler und Hambach. Dort sind die sechs Kreise Düren, Euskirchen, Heinsberg, Rhein-Erft-Kreis, Rhein-Kreis Neuss, die Städteregion Aachen und die kreisfreie Stadt Mönchengladbach – damit insgesamt 65 Städte und Gemeinden und ca. 2,5 Millionen Einwohner auf 4800 Quadratkilometern. Für viele Menschen wird sich in den nächsten zehn Jahren also einiges ändern, denn der Strukturwandel soll diverse Lebens- und Arbeitsbereiche umfassen. Erneuerbare Energien sollen hier angesiedelt werden, Kultur soll geschaffen werden, Naturräume verbessert werden, Stadt- und Dorfzentren sollen belebt bleiben. So die Zukunftsvision der Zukunftsagentur Rheinisches Revier GmbH, die als regionale Entwicklungsagentur mit dem Schwerpunkt Strukturwandel betraut ist. Politisch neutral, ist diese dazu auch im Austausch mit Fachleuten, Netzwerken und deutschland- sowie weltweit mit Akteuren, die ähnliche Transformationsprozesse durchlebt haben.

Brainergy Hub

Brainergy Hub

Unternehmensförderung

Das Institut der Deutschen Wirtschaft hat im Jahr 2021 dem Rheinischen Revier gute Chancen prognostiziert, von der heutigen Braunkohleregion zu einer Pilotregion für nachhaltige Industrieproduktion zu werden. Wichtige Basis für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und die Ansiedlung neuer Unternehmen sind laut Zukunftsagentur geeignete Industrie- und Gewerbestandorte in den Kommunen des Rheinischen Reviers. Dazu wurden 60 Standorte in dem betroffenen Gebiet identifiziert, die als besonders strukturwandelrelevant klassifiziert werden. Im Fokus steht dabei die Entwicklung neuer Gewerbegebiete. Hier wird vom Land NRW in Kürze ein Förderangebot aufgelegt, mit dem die Erschließung, die Planung und teilweise auch der Erwerb einer Gewerbefläche möglich sein werden. Daneben wird die Entwicklung durch eine systematische Ansiedlungswerbung und die Hilfe bei planerischen Hürden unterstützt. Zu den Flächen, die eine besondere Rolle im Strukturwandel spielen, gehören etwa die im Landesentwicklungsplan verankerten Landesflächen FutureSite InWest im Kreis Heinsberg, PrimeSite in Euskirchen sowie die Flächen, die heute noch für die Braunkohleverstromung genutzt und in Zukunft für eine Firmenansiedlung frei werden.

Insgesamt zwei Millionen Euro stellt das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) auch in diesem Jahr für das Bundesmodellprogramm „Unternehmen Revier“ dem Rheinischen Revier zur Verfügung. Mit bis zu 200.000 Euro (Verbundvorhaben bis zu 800.000 Euro) können neuartige Projekte mit dem Themenschwerpunkt „nachhaltiges Wirtschaften“, die auf den Strukturwandel im Rheinischen Revier einzahlen, mit den Mitteln des BMWK gefördert werden. Die Zukunftsagentur berät Unternehmen hierzu. Interessierte können sich bereits für die Fördermittel bewerben. Das Modellvorhaben „Unternehmen Revier“ gestaltet seit 2017 aktiv den Strukturwandel in der Braunkohleregion Rheinisches Revier. Als etabliertes Förderprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) unterstützt es jährlich mit zwei Millionen Euro zukunftsweisende Projektideen, die auch eine über die Region hinausragende Strahlkraft haben. Hier wird deutlich, wie der Wandel im Rheinischen Revier konkret aussehen kann – schließlich möchte man sich den Strukturwandel konkret vorstellen können. Welche zukunftsweisenden Unternehmen können sich im Rheinischen Revier ansiedeln, um die Lebens- und Arbeitsqualität sogar noch zu verbessern? Die Projekte sind vielfältig und reichen von Themen wie Wasserstoff-Technologie über regenerativen Obstbau bis hin zum Tourismus. Zahlreiche Unternehmen sind bereits in das Rheinische Revier mit Ideen eingebunden. So zum Beispiel Textilunternehmen, die neue Faserstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen entwickeln und die Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft beachten für mehr Ressourceneffizienz und Nachhaltigkeit. Oder auch die Baubranche, die innovative Produkte vorantreibt, wie ressourcenschonende Holzstecksysteme, Beton ohne Zemente, Modulbauten aus Holz, Wände aus Hanfbeton und Dämmmaterial aus dem Rohstoff Stroh. Dazu gehören auch zementfreie oder poröse, aber druckfeste Betonalternativen und wasserdurchlässige Straßenbeläge mit einer rezyklierten Gesteinskörnung, Gesteinskörnungen als Blähtonersatz aus gipshaltigem Rezyklat und Wandsysteme aus steckbaren Bausteinen für einen einfachen Auf- und Abbau. Für Innovationen und eine ressourcenschonende Baukultur mit rückbaubaren Materialien setzte sich auch das RebAU-Projekt bis 2022 ein, das von der EU gefördert wurde und in das das Land NRW eingebunden war.

Weitere vom Bund geförderte Projekte sind zum Beispiel das Projekt SAMU, entwickelt von der FH Aachen. Hier geht es darum, die Fahrt von Zügen vom Bahnhof zum Abstellgleis zu automatisieren, damit die Lokführer ihre Arbeitszeit effizient mehr im Personenverkehr verbringen, statt bis zu drei Stunden damit zu verbringen, den Zug abzustellen. SAMU ist dazu eine Datenerfassungs- und Auswertungseinheit sowie eine Steuerungseinheit. Selbstfahrende Züge auf den letzten Metern wären effizient und das Zugpersonal kann nützlicher eingesetzt werden, sodass perspektivisch Fahrpläne besser eingehalten werden könnten.

Ein weiteres gefördertes Projekt (2,33 Millionen) ist die Erfassung digitaler Daten mit dem Internet of Things, kurz IoT. Je besser die Vernetzung und der Datenaustausch, umso besser können Geschäftsabläufe optimiert und damit auch Ressourcen geschont werden. In Köln ist damit z. B. NetCologne befasst. Im Rheinischen Revier soll das über den Datenmarktplatz erreicht werden, der Lieferanten, Konsumenten und Serviceanbieter von Daten vernetzt. Das Projekt Blockchain4DatenMarktplatz.NRW, kurz Blockchain4DMP, schafft die technische Voraussetzung für den sicheren Austausch solcher Daten. Und da Daten weltweit erhoben werden, ergibt sich für das Rheinische Revier die Chance, zu einem weltweiten Exporteur zu werden – nicht für Kohle und Energie, sondern von IoT-Daten und -Services. Der Nutzen für den Wirtschaftsstandort kann enorm sein und reicht von der Vernetzung und Bündelung von KI-Expertise aus Forschung, Wirtschaft und Bildung über die Förderung der Ansiedlung von Start-ups und Spin-offs von Forschungsinstituten bis hin zu Impulsen für die Entwicklung innovativer Produkte sowie neuer Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten.

Nachhaltige Luftfahrt wird gefördert

Nachhaltige Luftfahrt wird gefördert

Nachhaltige Energie

Der sogenannte aktuelle Gigawattpakt soll das Rheinische Revier zu einem Leuchtturm für erneuerbare Energien machen. Dazu gibt es u. a. eine Landesförderung von bis zu 60 Millionen Euro in den kommenden vier Jahren, um die Installation von Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern der Kommunen zu unterstützen. Gefördert werden Photovoltaik-Dachanlagen auf kommunalen Gebäuden und Planungsleistungen zum Photovoltaikausbau. NRW.Energy4Climate und die Zukunftsagentur Rheinisches Revier bieten im Rahmen des Gigawattpaktes gemeinsam Unterstützungsangebote für die Akteurinnen und Akteure vor Ort an und organisieren unter anderem den Erfahrungsaustausch zwischen den Beteiligten. Der Gigawattpakt wurde im März 2022 vom Land NRW, von Kommunen, Energieunternehmen und Projektträgern für erneuerbare Energien im Rheinischen Revier geschlossen. Rund 50 Landkreise, Kommunen, energiewirtschaftliche Unternehmen und Projektträger haben sich zusammengeschlossen, um den Ausbau der erneuerbaren Energien im Rheinischen Revier durch eigene Beiträge zu beschleunigen. Bis Ende 2023 wurden im Rheinischen Revier Erneuerbare-Energien-Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 3,2 Gigawatt installiert. Ziel ist es, die installierte Stromerzeugungsleistung der Erneuerbaren bis zum Jahr 2028 auf mindestens 5 Gigawatt auszubauen. Der Gigawattpakt wird dabei als gesellschaftliches Gemeinschaftsprojekt betrachtet, bei dem jeder Akteur dazu aufgerufen ist, seinen Beitrag zu leisten.

Der Brainergy Park in Jülich ist ein weiteres Beispiel für den Strukturwandel im Rheinischen Revier und markant für die Energiewende. Auf einem 52 ha großen interkommunalen Gewerbegebiet siedeln sich Unternehmen mit dem Schwerpunkt „Neue Energien“ an. Hier wird abgebildet, wie die Zukunft der Energie aussehen kann. Der Zentralbau ist der Brainergy Hub (siehe Foto). Das Gebiet wird nach dem neusten Stand der Kenntnisse mit Wärme, Energie, Kälte und Internet versorgt und ist ein attraktiver Standort für Energieunternehmen. Die Brainergy Park Jülich GmbH hält als Mitgesellschafter einen Anteil von 50 Prozent am Unternehmen. Die andere Hälfte hält E.ON. Die Liegenschaften am Brainergy Park sollen mit nahezu CO2-freier Wärme und Kühlung versorgt werden. Photovoltaik-Anlagen, nahe gelegene Windräder, Wärmepumpen und ein Eisspeicher werden dazu verwendet. Prof. Dr. Bernhard Hoffschmidt, Geschäftsführer der BPE, sagt hierzu: „Die BPE wird das Niedrigenergie-Netz (Low-Ex-Netz) zur Heizung und Kühlung aller Gebäude im Brainergy Park Jülich errichten und betreiben, und dies zu marktüblichen Preisen.“ Die BPE erhält eine Förderung von 19,3 Millionen Euro für den Aufbau des Energiesystems im Brainergy Park Jülich. Eingebunden sind auch die Fachhochschule Aachen, das Forschungszentrum Jülich und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrttechnik, die in der Region angesiedelt sind.

Auch die Luftfahrtindustrie soll sich auf dem Weg zur Klimaneutralität wandeln. Das Production Launch Center Aviation (PLCA) startet das erste Projekt für die nachhaltige Luftfahrt aus Strukturstärkungsmitteln für das Rheinische Revier. Das Projektvorhaben am Forschungsflugplatz Würselen-Aachen soll mit 53,7 Millionen Euro gefördert werden. Unter Federführung des Forschungsinstituts Access e. V. und des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik soll die Entwicklungslücke zwischen Forschung und Anwendung im Bereich der Herstellung effizienter Komponenten für die Luftfahrt geschlossen werden.

Ein weiteres Beispiel ist der Energiepark Herzogenrath, denn Herzogenrath hat sich zum Ziel gesetzt, als erste Stadt in NRW eine CO2-neutrale Energieversorgung aufzubauen. Im Zentrum steht dabei der Energiepark Herzogenrath als Vorzeigeprojekt für eine klimaneutrale kommunale Energieversorgung. Die Fördersumme von rund 2,7 Millionen Euro wurde an das Forschungskonsortium aus Siemens Energy, RWTH Aachen, FH Aachen und Hochschule Niederrhein übergeben. Die assoziierten Partner Nivesteiner Sandwerke, Wasserverband Eifel-Rur und der ENWOR unterstützen das Vorhaben. Für das Gesamtprojekt sind mehr als 50 Millionen Euro an Strukturfördermitteln vorgesehen.

Energiepark Herzogenrath, Förderbescheidübergabe im Juni 2023

Energiepark Herzogenrath, Förderbescheidübergabe im Juni 2023

Weiterbildung

Lebenslanges Lernen ist immer ein Faktor, nicht nur bei einem Strukturwandel. Um sich zu orientieren, bieten viele lokale Einrichtungen, wie Volkshochschulen, die Arbeitsämter, die Zukunftsagentur, die IHK, Berufskollege etc. Informationen an, wie man sich geeignet weiterbilden kann, um den Betroffenen des Strukturwandels ein Angebot zur Neuorientierung zu machen. Fachkräfte und die Wertschöpfung in der Region sollen gehalten werden. Die Bildungslokale sind ein neues, wichtiges Element der strukturwandelbezogenen (Weiter-)Bildungsangebote, die Menschen und Unternehmen im Rheinischen Revier für sich nutzen können – wie das „Förderprogramm Zukunftsgutscheine Rheinisches Revier“, das mit den „Bildungschecks NRW“, dem Programm „Coach2Change“ und dem Qualifizierungschancengesetz einen wichtigen Beitrag zur „Investition in die eignen Ressourcen“ darstellt. So kann man z. B. mithilfe der Zukunftsgutscheine sein Unternehmen fit für die Zukunft machen. Das Netzwerkbüro des Kompetenzzentrums „Bildung im Strukturwandel“ analysiert den Arbeitsmarkt und die Ausbildungssituation und gibt die Ergebnisse an die Bildungsinstitutionen und die Kommunen weiter, sodass diese gezielt ausbilden können, damit neue Jobs, die im Strukturwandel entstehen, mit fachlichem Know-how besetzt werden können. Menschen, die im Areal leben, können sich qualifiziert weiterbilden und auch Fachkräfte aus dem Umland können zuziehen. Neue Generationen werden ganz anders arbeiten als noch in Zeiten des Braunkohlebaus. So zum Beispiel bei Microsoft. An den Standorten Bergheim und Bedburg wird Microsoft neue, hochmoderne Rechenzentren errichten – und dafür Milliarden investieren. Hyperscale-Rechenzentren sollen gebaut werden. Datenspeicherung und Datendrehkreuze sind hier die Stichworte.

DIEWIRTSCHAFT fragte Herrn Middeldorf, den Geschäftsführer der Zukunftsagentur Rheinisches Revier: Der Strukturwandel im Rheinischen Revier kann, richtig umgesetzt, zu einem Standortvorteil in Deutschland und Europa werden. Stimmen Sie zu?

Herr Middeldorf: „Das Rheinische Revier wird durch gezielte Investitionen und innovative Entwicklungen zur Modellregion für eine zukunftsfähige, nachhaltige Wirtschaft in Deutschland und Europa. Die Ansiedlung von Microsoft und der Bau von Hyperscalern weisen in diese Richtung, darüber hinaus sorgen wir für eine nachhaltige, wirtschaftsnahe Infrastruktur, zukunftsfähige Wirtschaftscluster wie Aviation, erneuerbare Energien, künstliche Intelligenz oder auch Kreislaufwirtschaft. Diese breit angelegte Transformation der Industrie in Richtung einer stärker diversifizierten Wirtschaft ist für uns gleichzeitig die Voraussetzung für die Schaffung neuer Arbeitsplätze und Wertschöpfung in der Region.“ W

(Karoline Sielski)

Bildquellen

  • Brainergy Hub Zentralgebäude: Brainergy Hub Zentralgebäude

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