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Wie belastbar ist unsere Rente?

Die Rente steht auf dem Prüfstand. Hält sie auch in Zukunft ihre Versprechen?

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Zwar wurde an ihr immer mal wieder herumgeschraubt, aber die gesetzliche Rentenversicherung, so wie wir sie kennen, ist 65 Jahre alt geworden. 1957 wurde die Reform beschlossen und nachfolgend umgesetzt. Da kann man doch einmal gratulieren. Doch wird heftig diskutiert und gerade junge Menschen fragen sich immer häufiger, ob der legendäre Satz des ehemaligen Bundesarbeitsministers Norbert Blüm auch noch für sie gelten wird: „Zum Mitschreiben: Die Rente ist sicher.“

Zwei Rentner auf einer Bank vor dem Strand
Foto von Monica Silvestre: https://www.pexels.com/de-de/foto/mann-und-frau-sitzen-auf-brauner-holzbank-1034597/

„Vor 65 Jahren hat der Bundestag mit der großen Rentenreform von 1957 die Basis für eine Entwicklung geschaffen, die im Rückblick nur als große Erfolgsgeschichte bewertet werden kann. Sie stellt die ,Geburtsstunde‘ der heutigen Rentenversicherung im Umlageverfahren dar“, so Gundula Roßbach, Präsidentin der Deutschen Rentenversicherung Bund. Die gesetzliche Rentenversicherung wurde neu ausgelegt, aus einem statischen wurde ein dynamisches Rentensystem. Das Leistungsniveau wurde mit der Reform deutlich angehoben, die Entwicklung der Renten wurde an die Lohn- und Wohlstandsentwicklung gekoppelt.

Mit der Rentenreform wurde ein Wechsel vom Kapitaldeckungsverfahren zum Umlageverfahren vollzogen, um die Rentenversicherung verlässlicher zu machen. Die Erfahrungen der Vergangenheit zeigten, dass Wirtschaftskrisen, Kriege und Währungsreformen oft große Teile der Vermögensbestände und Rentenansprüche vernichtet hatten. Über das Umlageverfahren sollten die Beiträge der Erwerbstätigen nicht mehr länger angespart, sondern direkt an Rentnerinnen und Rentner ausgezahlt werden. „Nicht zuletzt aufgrund der Flexibilität des Umlageverfahrens konnte die Rentenversicherung in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder erfolgreich an gravierende Veränderungen der ökonomischen, politischen und demografischen Rahmenbedingungen angepasst werden“, betont Roßbach. Die Beitragssätze zur Rentenversicherung sind in den vergangenen sechseinhalb Jahrzehnten stabil geblieben. Diese bewegten sich in einem Schwankungsbereich von etwa zweieinhalb Prozentpunkten. Im Vergleich zur Mitte der 1980er-Jahre ist der aktuelle Beitragssatz von 18,6 Prozent niedriger als zu einer Zeit, wo der demografische Wandel noch kein großes gesellschaftliches Thema war. Roßbach weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass der aktuelle Beitragssatz der niedrigste seit der Jahrtausendwende ist. Auch sei der Anteil der Bundeszuschüsse an den Ausgaben der Rentenversicherung nicht höher, sondern sogar niedriger als zum Zeitpunkt der Rentenreform von 1957. Damals lag der Anteil der Bundeszuschüsse zu den Ausgaben für die Rentenversicherung noch bei über 30 Prozent. Seit 2005 hat sich der Anteil zwischen 23 und 24 Prozent eingependelt. „Die Stabilität des Beitragssatzes ist also bisher nicht durch eine steigende Bedeutung des Bundeszuschusses für die Finanzierung der Rentenversicherung erkauft“, so Roßbach. Allerdings hilft bei dieser Rechnung auch, dass seit 1991 das Rentenniveau von 54 auf 48 Prozent zurückgegangen ist.

Konfrontiert mit Problemfragen

Und trotzdem wird das Thema Rente heiß diskutiert. Und während noch über die nächsten Jahre das Rentenalter auf 67 Jahre erhöht wird, kommen schon jetzt immer wieder Forderungen danach, es auf 70 Jahre zu erhöhen. Diese Idee äußerte im Juli der Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Stefan Wolf. Demografischer Wandel und geringe finanzielle Rücklagen der Rentenkassen würden das Umlagesystem der Rentenversicherung sonst ins Wanken bringen. Damit trat Wolf eine emotionale Debatte los, die es in den letzten Jahren immer wieder gegeben hat, durch die Pandemie und den Kriegsausbruch in der Ukraine aber in der letzten Zeit etwas in Vergessenheit geraten war. Dietmar Barsch, Vorsitzender der Fraktion Die Linke im Bundestag, nannte den Vorschlag Wolfs „unsozialer Bullshit“. Viele Gegenstimmen sehen in einer Anhebung des Rentenalters eine Rentenkürzung für diejenigen, die nicht länger arbeiten können. Die Ampelregierung in Berlin winkt unterdessen ab. Ein höheres Rentenalter sieht der Koalitionsvertrag nicht vor. Viele verweisen in ihrer Kritik bei der Anhebung des Rentenalters auf Möglichkeiten wie die Flexi-Rente. Mit dieser können Rentner seit Mitte 2017 mit einer vorgezogenen Altersrente 6300 Euro im Jahr anrechnungsfrei hinzuverdienen. Verdient jemand mehr als diesen Betrag, wird dieser zu 40 Prozent auf die Rente angerechnet. Mit der Coronapandemie wurde in diesem Jahr die Hinzuverdienstgrenze deutlich angehoben. Seit diesem Jahr können Rentner vor Erreichen des regulären Rentenalters 46.060 Euro im Jahr hinzuverdienen, ohne dass ihre Altersrente gekürzt wird. Außerdem gibt es auch die Möglichkeit, über die Regelaltersgrenze hinaus zu arbeiten, was jeden Monat Vorteile bringt. Für jeden Monat, den ein Arbeitnehmer über seine Regelaltersrentenzeit hinaus arbeitet, erhöht sich der Rentenzuschlag monatlich um 0,5 Prozent. Ein Jahr länger über den eigentlichen Renteneintritt hinaus zu arbeiten, bringt einen Zuschlag von sechs Prozent. Gleichzeitig erhöht sich die Rente durch weiterlaufende Beiträge zur Rentenversicherung, Beiträge zur Arbeitslosenversicherung müssen nicht mehr entrichtet werden, wodurch das Nettoeinkommen zusätzlich steigt. Es gibt also Möglichkeiten und dennoch …

Nun ist das Thema wieder auf dem Tisch und die Gründe, wieso das Thema diskutiert werden muss, sind eindeutig. Denn die Lebenserwartung der Menschen steigt, auch wenn die Coronapandemie statistisch betrachtet eine Delle darstellt. Das führt dazu, dass die Menschen immer länger Rente beziehen. Zwischen 1999 stieg die durchschnittliche Rentenerwerbszeit bei Männern von 13,6 auf 18,2 Jahre im Vergleich zu 2019. Bei Frauen stieg die Rentenerwerbszeit von 18,7 Jahre 1999 auf 21,7 Jahre an (2019). Gleichzeitig gehen in den kommenden Jahren viele Arbeitnehmer der „Babyboomer-Jahre“ zwischen 1957 und 1969 in Rente. Gut ein Drittel der aktuellen Erwerbstätigen in Deutschland. Dementgegen stehen nach aktuellem Stand immer weniger Beitragszahler. Ein höheres Renteneintrittsalter wäre eine logische Stellschraube, um das System finanziell nicht zu überlasten. Alternativen wären eine Absenkung des Rentenniveaus oder höhere Beiträge.

Ein Vorschlag, der als Alternative zur aktuellen Version der Rente diskutiert wird, ist die Rentenversicherung für alle. Alle zahlen ein, Freiberufler, Selbstständige, Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater, ebenso wie Beamte, würden allen anderen Beschäftigten gleichgestellt. Alle Teilnehmer zahlen in einen Topf ein. Solch eine Bürgerversicherung gibt es beispielsweise in der Schweiz. Und sozial betrachtet, klingt diese Idee auch absolut sinnvoll. Allerdings wäre das System so in Deutschland wohl nicht umsetzbar. Denn in der Schweiz gibt es eine Höchstgrenze für die Rente. Solch ein System ist in der deutschen Rentenversicherung, bei der sich die Höhe der Renten an den Einzahlungen orientiert, allerdings fremd. Eine Höchstrente würde mutmaßlich auch rechtlich nicht funktionieren, da die Rentenanwartschaften unter den Eigentumsschutz des Grundgesetzes gestellt sind.

Niedrige Renten besonders belastet

Das Thema Renten gewinnt auch deshalb an Brisanz, weil insbesondere diejenigen mit kleinen Einkommen und geringen Renten besonders unter der Inflation leiden. Und während sich Berufstätige demnächst auf 300 Euro Energiepauschale freuen dürfen, gehen Rentner, die nicht steuerpflichtig sind, leer aus. Bei den meisten trifft das zu. Gerade jetzt, wo viele Rentner mit hohen Nebenkostennachzahlungen konfrontiert werden, würde dieser Betrag wirklich helfen. Ein kleines Schlupfloch gibt es für Rentner, die bisher von der Energiepauschale ausgenommen waren. Wer auch nur für eine Stunde bzw. einen Tag bei der Minijob-Zentrale gemeldet oder Einkünfte aus selbstständiger Arbeit bei der Steuererklärung angibt, erhält die Energiepauschale im Mai 2023. Diese Arbeit müsse aber auch tatsächlich stattgefunden haben, bezahltes Babysitten der Enkel würde demnach funktionieren, sofern der Mindestlohn dafür gezahlt und gemeldet wird.

(Christian Esser)

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