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Interview mit Margit Schmitz vom BVMW: Der Verband ist meine Berufung

Margit Schmitz lenkt seit über einem Jahr die Geschicke der Wirtschaftsregion Köln / Rhein-Erft im BVMW. copyright: Wolf Gatow / fotogatow
Margit Schmitz lenkt seit über einem Jahr die Geschicke der Wirtschaftsregion Köln / Rhein-Erft im BVMW. 
copyright: Wolf Gatow / fotogatow

Im Gespräch mit DIE WIRTSCHAFT erläutert Margit Schmitz, wie sie zum Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW) kam, wie sie seine Schlagkraft erhöhen will und welche besonderen Herausforderungen Corona an die Mitglieder stellt.

DIE WIRTSCHAFT: Frau Schmitz, Sie sind seit einem Jahr Leiterin der Wirtschaftsregion Köln/Rhein-Erft des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft. Es war ein kurioses Jahr. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Margit Schmitz: 2020 war in jeder Hinsicht ein Jahr der Superlative. Was gestern meinen Job ausgemacht hat, die Nähe zu den Mitgliedsunternehmen, ist vorübergehend in weite Ferne gerückt. Wir mussten uns in unserer Arbeit, so wie unsere Mittelständler auch, völlig neu erfinden. Wir müssen die Antwort darauf geben, wie die Arbeit in Netzwerken in der Zukunft aussieht. Der Wandel in der Kommunikation betrifft uns alle: die Form des Informationsaustauschs, der Bezahlung, der Werbung – buchstäblich alles befindet sich im unglaublich schnellen Fluss.

DIE WIRTSCHAFT: Frau Schmitz, Sie sind seit einem Jahr Leiterin der Wirtschaftsregion Köln / Rhein-Erft des Bundesverbandes der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW). Es war ein kurioses Jahr. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Margit Schmitz: Ich bin dem BVMW zunächst als offizielles Mitglied beigetreten. Ich kann mich sogar noch an den Anruf bei meinem Vorgänger Peter Schirmacher erinnern. Er meldete sich und ich fragte: “Ich will Mitglied werden, was muss ich tun?” Er musste lachen, da ihm so etwas noch nie passiert war. Ich bin dann sofort zu ihm hin und schon war ich dabei. Kurze Zeit später sprach mich unser Landesgeschäftsführer Herbert Schulte an und sagte: “Sie brauchen wir.” Aber ich hatte keine Ressourcen. Erst als wir einen größeren Auftrag verloren hatten, habe ich mich an das Angebot erinnert, Herbert Schulte angerufen und gefragt, ob das Angebot noch aktuell sei. So startete ich beim BVMW, führte dort tolle Gespräche, formte ein schlagkräftiges Unternehmernetzwerk in unserer Region. Mir war schon nach wenigen Wochen klar: Das ist meine Berufung, hier fühle ich mich zu Hause. Das ist heute noch immer so.

BVMW bis Ende 2020 kontinuierlich gewachsen

DIE WIRTSCHAFT: Wie definiert sich eigentlich der typische Mittelständler? Geht es da nach Anzahl der Mitarbeiter, nach Umsatz oder nach Gewinn?

Margit Schmitz: Man kann es unterschiedlich definieren und beispielsweise auch die Bilanzsumme zurate ziehen. Aber um etwas Griffiges zu haben, schauen wir vor allem auf Umsatz und Mitarbeiterzahl. Die Statistik sagt, dass rund 80 Prozent aller Unternehmen in Deutschland weniger als 20 Mitarbeiter haben, 60 Prozent haben weniger als zehn Mitarbeiter. Die überwiegende Mehrzahl der Patente kommt aus dem Mittelstand.

DIE WIRTSCHAFT: Sie haben momentan 400 Mitglieder, und die Zahl wächst. Worauf ist das zurückzuführen?

Margit Schmitz: Bis Ende 2020 sind wir jährlich kontinuierlich gewachsen und haben daher nun etwas mehr als 400 Mitglieder in unserer Region. Begonnen habe ich mit 35 Unternehmen. Zurückzuführen ist das auf den Bedarf nach Netzwerken und Kontakten bei uns am Standort. In diesen Jahren telefonieren die Firmen untereinander, um zu erfahren, wie wir jetzt konkret unterstützen können. So haben wir uns immer aufgestellt und sind damit extrem gut gefahren.

DIE WIRTSCHAFT: Ist Corona da ein Beschleuniger?

Margit Schmitz: Natürlich! Es hat uns quasi zum Umdenken gezwungen. Wir helfen Firmen bei der Positionierung, unterstützen sie dabei, sichtbar zu sein. Wir sind auch bei der Kommunikation ihrer Produkte mit dabei. Online-Veranstaltungen sind derzeit Standard und ein Netzwerk-Beschleuniger, da Präsenzveranstaltungen nicht möglich sind. Allerdings braucht es das richtige Format. Für den 22. Februar haben wir unseren ersten Business-Pitch NRW organisiert, für den ich die Verantwortung übernommen habe. Aktuell nehmen über LinkedIn 250 Unternehmen teil, über andere Plattformen 130. Jetzt laden auch meine Kollegen ihre Mitglieder zusätzlich ein. Wir sehen jetzt, genau jetzt, welche Kraft und Möglichkeiten der BVMW hat. Nun können wir just in time in ganz Deutschland Maschinenbauer zusammenschalten. Wir können zudem weltweit mit unseren Auslandsbüros sprechen. Das sind einzigartige Vorteile.

Novemberhilfen teils noch nicht angekommen

Margit Schmitz denkt gerne an die vergangenen erfolgreichen Veranstaltungen des Verbandes zurück. copyright: Industriefotografie Steinbach
Margit Schmitz denkt gerne an die vergangenen erfolgreichen Veranstaltungen des Verbandes zurück.
copyright: Industriefotografie Steinbach
DIE WIRTSCHAFT: Der typische Mittelständler ist keiner, der sofort den Kopf in den Sand steckt, sondern die Ärmel hochkrempelt – nicht nur um sich impfen zu lassen. Wenn es aber doch wie jetzt durch Corona mal finanzielle Engpässe gibt – wie stehen Sie da zur Seite, wie können Sie da unterstützen?

Margit Schmitz: Ja natürlich, das ist unser tägliches Business. Auch ohne den Virus. Aktuell haben wir die Maßnahmen rund um Corona ausgebaut, um unseren Unternehmen unter die Arme zu greifen. Allerdings kommt in vielen Fällen die zugesagte November-Hilfe nicht an. Wir helfen beispielsweise dabei, Fördermittel zu erhalten. Du willst dich zertifizieren lassen, ruf uns an … dein Wunsch – unsere Lösung. So funktioniert es, so funktionieren gute Netzwerke – es sind multilaterale Organisationen.

DIE WIRTSCHAFT: Wie sieht es denn mit den sogenannten Corona-Soforthilfen aus – läuft das oder ist das ein total kompliziertes Verfahren, ist das eine wirkliche Hilfe, wo nötig, die ankommt oder letzten Endes durch viele Hürden doch nur ein verkapptes Darlehen?

Margit Schmitz: Das kann man nicht einheitlich beantworten. Einige Firmen haben ihre Novemberhilfe noch nicht erhalten bzw. nur eine Abschlagszahlung. Andere erzählen von einem reibungslosen Ablauf.

DIE WIRTSCHAFT: Wie erleben Sie den Umgang Ihrer Mitglieder mit Corona?

Margit Schmitz: Vollkommen unterschiedlich. Es gibt Unternehmen einer Branche, die sich neu erfinden, bis hin zu solchen, die sich schwertun. Die einen, die sich im Netzwerk Hilfe suchen bis hin zu den anderen, die auf sich selbst setzen. Wir erleben eine weit um sich greifende Unsicherheit. Fakt ist jedenfalls, die Menschen dahinter sind positiv eingestellt und sehen wieder Licht am Ende des Tunnels.

Von den Entscheidungen der Politik zermürbt

DIE WIRTSCHAFT: Was bewegt den Mittelstand in der Region momentan noch außer dem leidigen Thema Corona?

Margit Schmitz: Die Politik. Die Ergebnisse der Politik in der Region machen die Unternehmer mürbe. Der Fokus liegt laut ihren Aussagen falsch und sie sehen sich nicht berücksichtigt. Das hat nun zur Folge, dass ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Leiterin der Wirtschaftsregion mit den Unternehmen, der Politik und weiteren Netzwerken in den direkten Dialog trete, Entscheidungen im Rat der Stadt diskutiere und auf uns aufmerksam machen werde. Wobei … eins ist auch klar: Reden hilft nicht! TUN heißt die Devise der Stunde. Also, wie unser verstorbener Präsident immer gesagt hat: Wir müssen lauter werden und Klartext reden.

DIE WIRTSCHAFT: Einen solchen Verband führen heißt ja auch und vor allem netzwerken – was tun Sie in dieser Richtung?

Margit Schmitz: Die richtigen Menschen zum richtigen Thema am richtigen Ort zusammenbringen und ich kann sagen, das ist die Königsdisziplin.

DIE WIRTSCHAFT: Sie haben ja bereits bedeutende Events in der Motorworld und im Roncalli-Zirkuszelt organsiert. Was wäre denn Ihre Wunschlocation für das nächste große Verbandsevent?

Margit Schmitz: Wenn ich daran zurückdenke, habe ich beinahe Tränen in den Augen. Das Roncalli-Zirkuszelt war mit unseren Veranstaltungen MAGIC BUSINESS ausverkauft und das Event hat mich zutiefst berührt. Es war im wahrsten Sinne des Wortes einer meiner magischsten Momente in den vergangenen 16 Jahren. Mein absolutes Highlight. Tausende Stunden Arbeit, aber es hat sich gelohnt. Die Atmosphäre, das Erlebnis wird immer in meinen Erinnerungen einen festen Platz haben. So war auch unser Jahresempfang 2019 mit 800 Gästen in der Motorworld. Das ist neben jedem einzelnen magischen Moment mit den Unternehmern, weshalb ich diesen Job liebe!

Chancen der Digitalisierung begreifen

DIE WIRTSCHAFT: Was hören Sie von Ihren Unternehmen in Sachen Zusammenarbeit mit Ämtern und Behörden? Thema Infrastruktur digital und Straßenbau, Thema Baugenehmigungen und Ähnliches? Was müsste sich da ändern?

Margit Schmitz: Wir müssen die Chancen der Digitalisierung besser begreifen sowie unsere Verwaltungsprozesse digitalisieren und verschlanken. Planungs- und Genehmigungsprozesse dauern vor allem im Bereich der Infrastrukturpolitik einfach zu lange. Das schwächt unseren Standort immens. Schauen Sie sich nur die morgendlichen Staumeldungen zu normalen Zeiten an.

DIE WIRTSCHAFT: Welche Hobbys haben Sie, was steht in der Freizeit an?

Margit Schmitz: Ich habe leider keine Zeit für Hobbys. Manchmal schaffe ich es, ein Hörbuch laufen zu lassen, wie aktuell das Buch von Barack Obama. In seltenen ruhigen Momenten sammle ich Kraft durch Meditation und verbringe Zeit mit meinem Mann, der mir die Kraft gibt, diesem Job, dieser Berufung, gerecht zu werden.

Der Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW)

Der Bundesverband der Mittelständischen Wirtschaft (BVMW) vertritt als “Stimme des Mittelstands“ mehr als 900.000 Mitglieder deutschlandweit. Über 300 Geschäftsstellen im In- sowie Ausland setzen sich für die organisierten Unternehmerinnen und Unternehmer ein. Schwerpunkte sind die Bildung von Netzwerken, die Organisation von Veranstaltungen und die politische Interessenvertretung. In NRW ist der BVMW mit 60 Kreisgeschäftsstellen in den Bezirken präsent. In der Wirtschaftsregion Köln, Rhein-Erft-Kreis, sind 400 Mittelstands-Unternehmen Mitglied.

Weitere Info unter: www.bvmw.de

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