KARRIERE, KI UND NEUE CHANCEN

Führungskräfte am Limit: Was niemand über die Einsamkeit an der Spitze sagt

by Diana Pohl
Klaus Offermann

Wer hinter die Kulissen der schillernden Social-Media-Fassaden blickt, wird dort viel Verzweiflung, Enttäuschung, Ratlosigkeit, Traurigkeit und Wut entdecken. Was in Meetings als Erfolg gepriesen und in öffentlichen Statements mit absoluter Klarheit deklariert wird, ist nicht selten das Ergebnis eines inneren Kampfes – mit sich selbst als Führungskraft oder einem Team, das jenseits vereinbarter Floskeln ganz andere Interessen verfolgt.

Die meisten Entscheidungen, die als alternativlos gelten, sind in Wahrheit fade Kompromisse, die irgendwer mit irgendwem eingehen musste. Nichts ist klar in einer Welt, in der es Orientierung kaum noch geben kann. Frustration, innere Leere und Depressionen plagen nicht nur die, die in irgendeiner Weise materiell Not leiden. Es ist kein Phänomen derer, die es nicht oder noch nicht an die Spitze geschafft haben und denen man gerne Neid oder Unzufriedenheit unterstellt. Im Gegenteil: Je mehr Fallhöhe jemand hat, desto größer ist nicht selten das Gefühl der Ohnmacht, der Einsamkeit und der Verunsicherung, der Gedanke, niemandem vertrauen zu können oder erdrückt zu werden von der Verantwortung, die man einst mit Begeisterung übernommen hat. Dies alles sind keine Luxusprobleme, sondern emotionale, teils existenzielle Krisen, die nicht nur einzelne Personen individuell belasten, sondern im Extremfall ganze Unternehmen gefährden können.

Hinter den Kulissen wachsen die Selbstzweifel

Ein Unternehmer, der längst kein Unternehmer mehr sein möchte, weil das, was einst „sein Geschäft“ war, real oder gefühlt nicht mehr existiert, ist kein Unternehmer, der mutig die Veränderungen anzugehen bereit ist, die vielleicht dringend notwendig wären. Ein Politiker oder hoher Verwaltungsbeamter, der permanent Klarheit, Sicherheit und maximale Überzeugung zur Schau stellen muss und dem Zweifel als Schwäche ausgelegt werden, was wiederum die Wiederwahl gefährden könnte, ist kein Spitzenfunktionär, der das Land oder seine Behörde mutig in die Zukunft führen kann. Hinter den Kulissen wachsen die Selbstzweifel und der Wunsch, etwas radikal zu verändern. Nur was? Entscheidungen sind schwerer denn je, weil gesellschaftliche Trends und technologische Innovationen sich immer schneller verändern, als man sich selbst verändern kann. Was draußen passiert, verstärkt die Ohnmacht im Innern.

Menschen haben sich verändert – nicht immer zum Guten

Karrieren sind unsicher, weil Corona die Menschen verändert hat – meist nicht zum Guten. Ränkespiele, Illoyalitäten und Ego-Mitnahmeeffekte haben weiter zugenommen. Zugleich gefährden KI und Robotik ganze Branchen und Geschäftsbereiche. Niemand kann sicher sein, dass er weiterhin in der Art und Weise gebraucht wird wie derzeit. Und Kriege, Katastrophen und Rezession belasten die Psyche. Wie also soll Klarheit entstehen? Woher sollen Zuversicht und Optimismus kommen? Woher die Kraft und der Mut, Entscheidungen zu treffen, die zumindest eine Planung erlauben und eine Vision für die Zukunft möglich erscheinen lassen?

Antworten auf diese Fragen findet Klaus Offermann. Er ist Deutschlands erster Ghost Coach, unterstützt seine Klienten diskret und im Hintergrund, wenn diese nicht weiterwissen. Etwa, wenn politische Ränkespiele lähmen, Verantwortung einsam macht oder Entscheidungen Klarheit benötigen.

DIE WIRTSCHAFT: Herr Offermann, was kann Coaching bewirken?

Klaus Offermann: Vielen Menschen in Spitzenpositionen und mit viel Verantwortung fehlt ein Sparringspartner außerhalb des eigenen Systems. Familie, Kollegen, enge Freunde, sie alle haben eigene Interessen und sind nicht objektiv. Interessenfrei, nur dem Wohle des Klienten gegenüber verpflichtet, kann ein Coach unterstützen, Meinungen äußern und abwägen, Rückfragen stellen oder einfach nur zuhören. Die richtigen Fragen zu stellen ist wichtig – Fragen, die einem Kollegen, Mitarbeiter oder Vorgesetzte nicht stellen: Was willst du? Was bewegt dich? Wie passt das zu deinem inneren Kompass? Um nur einige zu nennen.

DIE WIRTSCHAFT: Das klingt eher nach Psychotherapie als nach Business-Coaching.

Klaus Offermann: Ich habe etliche Ausbildungen und Zertifikate auch aus der Therapie, auch aus den Bereichen Ernährung und Gesundheit. Deswegen kann ich die Persönlichkeit ganzheitlich begleiten. Aber Coaching ist normalerweise keine Therapie, sondern tatsächlich Sparring. Es geht nicht um Kuscheln, sondern um Klarheit, nicht um Entspannung, sondern um Ergebnisse. Coaching, zumindest so, wie ich Coaching verstehe, ist keine Seelenmassage oder Weichspülerei, sondern Arbeit an der inneren Stärke. Es geht um Resilienz und um Bewertungen, die sonst nicht oder nicht objektiv vorgenommen worden wären. Es geht um den Abgleich des eigenen Wollens und Könnens mit einer sich ständig verändernden Realität.

Klaus Offermann im Gespräch

Auch Start-Ups profitieren im hohen Maße von der Zusammenarbeit mit Klaus Offermann

DIE WIRTSCHAFT: Warum Ghost Coaching? Wo liegt der Unterschied?

Klaus Offermann: Meine Klienten schätzen in besonderer Weise die Diskretion. Je herausragender eine Stellung ist, desto wichtiger ist es, dass Themen vertraulich besprochen werden. Namen, Zahlen, persönliche oder unternehmensinterne Themen, das alles gehört nicht in die Öffentlichkeit. Das garantiere ich meinen Klienten. Klassische Executive Coaches fragen gerne nach Referenzen oder posten Geschichten – das verbietet sich als Ghost Coach, auch, weil Coaching immer noch allzu gerne mit Lebensberatung gleichgesetzt wird. Dieser Art der öffentlichen Trivialisierung setze ich Vertraulichkeit entgegen. Themen der maximalen Verantwortung, wenn es um Millioneninvestitionen, Hunderte Mitarbeiter, Standorte oder Standpunkte geht, müssen hinter verschlossenen Türen bleiben, unter allen Umständen. Das neben meiner Aufgabe als Sparringspartner sicherzustellen, macht mich zum Ghost Coach.

DIE WIRTSCHAFT: Was hat sich in den letzten Jahren verändert? Geht es unseren Führungskräften tatsächlich schlechter?

Klaus Offermann: Das ist objektiv kaum messbar. Jeder trägt sein Päckchen anders. Insgesamt haben in der Gesellschaft die Zahlen psychischer Erkrankungen und der messbaren Unzufriedenheit zugenommen. Dass dies in den Chefetagen anders sein soll, ist wenig wahrscheinlich. In meiner Praxis erlebe ich, wie sehr immer mehr bekannte Persönlichkeiten und Verantwortungsträger eine Begleitung benötigen, weil die Welt schon deutlich komplexer geworden ist und die Erwartungen gestiegen sind. Jedes vermeintliche Fehlverhalten gelangt heute in die Öffentlichkeit und wird öffentlich debattiert. Das war früher anders. Alles ist volatil, unsicher, komplex und ambig. Die VUKA-Welt ist real und dreht sich schneller, auch durch Werturteile unbeteiligter Dritter in den sozialen Netzwerken. Die Verantwortung in diesen Zeiten ist größer als früher, die Konsequenzen von Fehlentscheidungen auch. Wenn Innovationszyklen immer kleiner werden, werden Entscheidungen zunehmend irreversibel. Das zehrt an der Persönlichkeit. Die wenigsten Menschen sind derart abgestumpft, dass diese Entwicklung für ihre mentale Stärke keine Belastung darstellt.

DIE WIRTSCHAFT: Was sind die wichtigsten Themen, mit denen Menschen zu Ihnen kommen?

Klaus Offermann: Oft höre ich, „Unternehmer sein, macht keinen Spaß mehr“ oder „Von dem, für das ich einmal angetreten bin, ist nicht mehr viel übrig“. Viele sehen sich gezwungen, gegen ihre eigene Überzeugung zu handeln. Wer einmal Freude an Handwerk hatte und jetzt mehrere Hundert Menschen zu führen hat und Multimillionen bewegt, kann sich entfremdet fühlen. Die Dinge haben sich einfach so entwickelt. Unternehmen sind gewachsen, und plötzlich ist man CEO statt jemand, der selbst etwas erschafft. Oder Manager, die immer stolz waren, menschlich gut funktionierende Teams zu formen. Und heute treffen diese Menschen Entscheidungen über KI-Tools, die für mehr Effizienz sorgen sollen. Rollen und Erwartungen haben sich verändert, man selbst sich aber nicht – oder nicht in dem Maße. Hinzu kommen die ständigen Kontrollen durch IT, Vorgesetzte, die öffentliche Meinung, Bürokratie oder Berichtspflichten. Alles ist transparent, gefühlt nimmt die persönliche Freiheit ab. Aber genau die war für viele das Motiv, Karriere zu machen. Wenn ich erst dieses oder jenes erreicht habe, dann kann ich … Das Erleben weicht immer mehr von den eigenen inneren Motiven ab. Das sind die Themen. Die Folgen sind aber unterschiedlich und sehr individuell.

DIE WIRTSCHAFT: Wie können Sie unterstützen?

Klaus Offermann: Nur selten sind Ausstieg und Neuanfang das Ergebnis. Zumeist geht es darum, sich mental, emotional und persönlich neu zu justieren, um so eine bessere Führungskraft zu werden oder sich neue Ziele zu setzen, die mit dem eigenen Wesen in Einklang stehen. Erfolg wird oft neu definiert – und im Gespräch ergeben sich Möglichkeiten, auch die Segel in die neue Erfolgsrichtung zu setzen. Hier spielen viele Aspekte mit hinein, die von Gewohnheiten und inneren Überzeugungen bis zu Verhaltens- und Denkweisen reichen.

DIE WIRTSCHAFT: Wie sehen diese Erfolge konkret aus?

Klaus Offermann: Ich kann hier nur Beispiele nennen. Aber was ich als Feedback bekomme, ist beispielsweise, dass Klienten sagen, dass sie nun schneller und fokussierter Entscheidungen treffen können – auch unter Druck. Oder dass ihnen Muster und politische Dynamiken nun eher auffallen und sie diese zu nutzen wissen. Oder dass sich die Kommunikationsfähigkeit und die Beziehungen verbessert haben – im Unternehmen und privat. Nicht selten geht es auch um Wirkung. Vielen ist das notwendige Eigenmarketing zuwider. Ich unterstütze sie dann dabei, Lautstärke und Reichweite von echter Wirkung zu unterscheiden.

DIE WIRTSCHAFT: Sie sprechen auch oft davon, dass es an der Spitze einsam ist.

Klaus Offermann: Ja, das ist auch so. Der Erfolg hat immer viele Väter, aber im Scheitern ist man meistens allein. Die Unsicherheit wächst, oft da, wo man sie am wenigsten vermutet. Funktionieren und seinen Job machen reicht vielen nicht mehr. Das gilt für die meisten meiner Klienten, aber auch für die Strukturen, in denen sie arbeiten. Verantwortung und Führung haben einfach eine neue Dimension bekommen.

DIE WIRTSCHAFT: Inwieweit ist Coaching auch für Teams sinnvoll?

Klaus Offermann: Coaching ist auf gleich drei Ebenen in Bezug auf Teams oder Abteilungen sinnvoll: erstens bei Neueinstellungen. Mit Persönlichkeitsanalysen und anderen psychologischen Verfahren lässt sich ergründen, ob jemand in ein Team passt und welche Rolle er im Team einnehmen kann. Zweitens können Stärkenanalysen und individuelle Persönlichkeitsentwicklungen dabei unterstützen, die Performance Einzelner oder des gesamten Teams zu steigern. Und drittens können ganze Teams systemisch entwickelt werden. Letztlich geht es beim Coaching immer auch um die Interaktion mit anderen, deswegen ist es für Teams besonders wertvoll.

Oft werde ich bei Stellenbesetzungen hinzugezogen oder um Organigramme zu optimieren. Dabei helfen mir auch die vielen Ausbildungen, die ich neben dem reinen Coaching absolviert habe. So bin ich betriebswirtschaftlich-kaufmännisch geschult, arbeite mit Haller Diagnostics, einer in der Schweiz entwickelten wissenschaftlich fundierten Standortbestimmung der Persönlichkeit, und bin Face-Reading-Profiler.

DIE WIRTSCHAFT: Eine ganz andere Frage: Sie sind auch als Speaker unterwegs und veranstalten in Köln regelmäßig die Nacht der Redner. Wie passt das zusammen?

Klaus Offermann: Persönlichkeitsentwicklung hat viele Facetten. Manchmal braucht es nur einen kleinen Impuls statt eines langen Coaching-Programms. Gute Keynotes können etwas bei den Menschen bewirken – mit der Kraft des Humors oder einfach durch Wissenshäppchen. Keynotes sind eigentlich nur eine andere Darreichungsform für den ersten Schritt hin zu einem besseren Leben in einem bestimmten Bereich. Insofern sehe ich hier keinen Widerspruch. Ich möchte Wissen teilen und habe auch den Anspruch, Vorurteile rund um das Thema Coaching abzubauen. Schauen Sie sich mal eine Nacht der Redner in Köln an – das ist Netzwerk, Unterhaltung, Know-how und Persönlichkeitsentwicklung auf leichte Art.

DIE WIRTSCHAFT: Wie sieht eine Zusammenarbeit mit Ihnen aus?

Klaus Offermann: Das hängt von der Themenstellung ab. Bei einzelnen und individuellen Fragen können einzelne Sessions gebucht werden. Ich biete aber auch Mentoring-Programme an oder Langzeitbegleitungen. In Unternehmen bin ich auch manchmal über mehrere Jahre gebucht, um Prozesse zu begleiten oder zu entwickeln. Am Ende ist nicht das Format entscheidend, sondern dass die Ziele erreicht werden und sich die gewünschten Erfolge einstellen.

 

Über Klaus Offermann

Klaus Offermann ist ein erfahrener Executive Coach, Trainer und Mentor sowie Bestseller-Autor mit über 30 Jahren Praxiserfahrung. Er ist spezialisiert auf Leadership, Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung und nutzt sein fundiertes Wissen in Psychologie und Führungsstrategien, um die Leistungsfähigkeit von Unternehmen und Teams zu steigern.

Weitere Informationen unter www.klausoffermann.com

(Eugen Weis)

Bildquellen

  • Klaus Offermann im Gespräch: Alex Weis
  • Klaus Offermann: Alex Weis

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