Restrukturierung muss Spaß machen!

Dirk Schlarmann , Gründer und CEO AUXIL im Interview

by Diana Pohl
Dirk Schlarmann

Die deutsche Wirtschaft steht unter Druck. Geo- und sozialpolitische Veränderungen innerhalb Europas und der ganzen Welt haben die Konjunktur in Deutschland in den letzten Jahren stark beeinflusst und stellen selbst etablierte Geschäftsmodelle und Industriezweige vor zukunftsweisende und teils existenzbedrohende Herausforderungen. Damit die Transformation des Wirtschaftsstandortes Deutschland erfolgreich gelingt, braucht es vor allem Geschwindigkeit bei der strategischen Neuausrichtung von Geschäftsmodellen und der Umsetzung von erforderlichen Maßnahmen zur Sicherung der unternehmerischen Unabhängigkeit mittelständischer Industrieunternehmen.

Eine Krise trifft ein Unternehmen selten über Nacht. Sie wächst – leise, schleichend und gefährlich, aber durchaus sichtbar. Wer Frühwarnsignale erkennt, kann gezielt unternehmerisch handeln. Unternehmen, die rechtzeitig auf Warnsignale reagieren, können oft proaktiv eine harte Sanierung durch gezielte Transformationsmaßnahmen vermeiden und so ihre Wettbewerbs- und Renditefähigkeit sichern.

Gerät ein Unternehmen in eine sich zuspitzende Krisensituation (Ertrags- und/oder Liquiditätskrise), stehen viele Geschäftsführer und Vorstände oft vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Es herrscht meist eine konjunkturelle Unsicherheit und hohe, volatile Marktdynamik. Es besteht enormer Zeit- und Handlungsdruck aufgrund anlaufender Verluste und sinkender Liquiditätsreserven, und die Anforderungen und Erwartungen der Stakeholder wie Banken, Warenkreditversicherer, Arbeitnehmervertretungen, Kunden und Lieferanten, aber auch an und durch Gesellschafterkreise steigen kurzfristig und verlangen, schnell geeignete Maßnahmen zur Stabilisierung der Situation einzuleiten.

Dirk Schlarmann ist Gründer und CEO der Unternehmensberatung AUXIL VALUE INTEGRATION mit Sitz in Bonn und begleitet mit über 70 Berater:innen Unternehmen aktiv bei der konzeptionellen und operativen Neuausrichtung in Umbruchphasen zur Wiedererlangung und Festigung der unternehmerischen Unabhängigkeit. Im Interview mit w sprach er unter anderem darüber, wie er die aktuellen Herausforderungen im deutschen Mittelstand sieht und wie Krisen erfolgreich überwunden und als Chance genutzt werden können.

DIE WIRTSCHAFT: Herr Schlarmann, wann befindet sich ein Unternehmen in der Krise?

Dirk Schlarmann: Wenn wir um Unterstützung gebeten werden, treffen wir in der Regel fast immer auf drei zentrale Krisenindikatoren:

  • Sinkende Profitabilität und/oder fortlaufende negative Unternehmensergebnisse: Die Nachfrage nach Produkten geht bereits seit einiger Zeit zurück oder ist eingeschränkt. Der Wettbewerb hat zugenommen und Margen stehen unter Druck. Vorhandene Markt- und Absatzkanäle sind sehr volatil und nur noch bedingt vorausschauend planbar.
  • Abnehmende Liquidität und negative operative Cashflows: Geringere Margen und negative operative Ergebnisse belasten bereits über einen längeren Zeitraum die vorhandenen Liquiditätsreserven und erfordern Nachfinanzierungen in Form von weiterem Fremd- oder Eigenkapital. Das Investitionsverhalten ist bereits über einen längeren Zeitraum defensiv oder es sind gar Desinvestments zur Sicherstellung der Durchfinanzierung bzw. Gegenfinanzierung von fortlaufenden Verlusten erforderlich.
  • Abnehmendes und/oder geringes Eigenkapital: Die vormals auskömmlich vorhandenen eigenen Mittel sind zunehmend durch hohe operative Verluste und strategische Fehlentscheidungen aufgebraucht. Das Eigenkapital kann als Haftungsmasse für die ebenfalls zunehmenden Verbindlichkeiten nur noch bedingt oder gar nicht mehr herangezogen werden. Die finanzielle Stabilität ist nicht mehr vorhanden und das Eigenkapital entspricht schon lange nicht mehr der Höhe des langfristig gebundenen Vermögens. Ergebnis: sinkende Bonität, steigende Finanzierungskosten, geringe strategische Handlungsspielräume.

DIE WIRTSCHAFT: Was bedeutet das für ein Unternehmen?

Dirk Schlarmann: In der Regel steigt vor allem und verständlicherweise der Druck vonseiten der Finanzierungspartner und Warenkreditversicherer an, da Unternehmen in der Krise oft ihren Kapitaldienst nur noch eingeschränkt leisten können oder sogar weitere Finanzierungslinien benötigen, um die Durchfinanzierung sicherzustellen. Oftmals werden auch Lieferantenverbindlichkeiten oder Investitionen geschoben, um die Liquidität zu sichern. Das wiederum führt zu einem Vertrauensverlust u. a. bei Warenkreditversicherern. In der Folge verlangen Finanzierungspartner dann häufig mehr Transparenz über die aktuelle Situation in Form der Bewertung durch einen unabhängigen Dritten. An dieser Stelle kommen wir dann ins Spiel und werden mit der Erstellung eines entsprechenden Konzeptes beauftragt. Die Art und der Umfang des Konzeptes sind dabei abhängig von der jeweiligen Krisensituation eines Unternehmens.

Dirk Schlarmann im Gespräch mit Eugen Weis

Dirk Schlarmann im Gespräch mit Eugen Weis

Drei verschiedene Konzepte

DIE WIRTSCHAFT: Welche Art von Konzepten unterscheiden Sie?

Dirk Schlarmann: Wir unterscheiden im Wesentlichen aufgrund der vorhandenen Unternehmenssituation drei Arten von Konzepten.

  • Transformationskonzepte lassen eine Krise gar nicht erst entstehen und entwickeln bestehende Geschäftsmodelle proaktiv weiter.
  • Independent Business Reviews werden erstellt, wenn es zu Ertragsrückgängen und/oder Marktveränderungen gekommen ist und es einer Plausibilisierung der aktuellen Geschäftsplanung bedarf. Die Liquidität der Unternehmen ist hier in der Regel noch gesichert.
  • Sanierungsgutachten werden nach den Statuten des IDW S6 bzw. der höchstrichterlichen Rechtsprechung des BGH erstellt und sind rechtlich bindend. Bei dieser Art des Gutachtens befinden sich Unternehmen mindestens in einer Absatz- und Ertragskrise sowie i. d. R. auch in einer Liquiditätskrise und die Kapitaldienst- und Kapitalmarktfähigkeit ist nicht mehr ohne Weiteres gegeben.

DIE WIRTSCHAFT: Was ist der Unterschied zwischen Transformation und Restrukturierung?

Dirk Schlarmann: Provokativ könnte man sagen: Restrukturierung ist wie Transformation, nur ohne Geld. Aber das greift zu kurz. Die Unterschiede sind deutlich vielschichtiger.
Transformation ist proaktiv und vorausschauend und wird durch die gezielte Antizipation von Markt- und Strukturveränderungen (geo-/sozialpolitisch) aktiv zukunftsorientiert vorangetrieben und gesteuert. Das Management hat die Strategie des Unternehmens vorausschauend festgelegt und arbeitet aktiv auf die Erreichung von Strategiezielen hin.

Die Restrukturierung ist der Transformation gegenüber eher reaktiv und bearbeitet in der Regel Probleme und Missstände aus der Vergangenheit, die über Jahre nicht erkannt wurden bzw. nicht aktiv bekämpft worden sind. Oftmals sind Unternehmen in Krisensituationen durch fehlende Frühwarnsysteme und unsicheres Management aufgrund fehlender strategischer Ziele gekennzeichnet.
Unsere Konzepte richten sich daher auch immer individuell an der jeweiligen Unternehmenssituation aus.

DIE WIRTSCHAFT: Wie muss ich mir ein Konzept von AUXIL und Ihren Beratungsansatz vorstellen?

Dirk Schlarmann: AUXIL verbindet strukturelle Neuausrichtung mit kulturellem Wandel. Wir begleiten mittelständische Unternehmen aktiv bei der Erstellung von Konzepten, aber vor allem bei der operativen Transformation ihrer Geschäftsmodelle mit dem klaren Ziel, unternehmerische Unabhängigkeit zu festigen. Unser ganzheitlicher Ansatz geht weit über die klassische Restrukturierung hinaus. Wir sichern Liquidität, stärken Innovationskraft, fördern digitale Performance und machen ESG-Anforderungen messbar.

Gezielte Transformations- und Restrukturierungsprozesse bieten eine Chance zur Neuausrichtung – nicht bloß ein Signal an Finanzierungspartner. Ein belastbares Konzept schafft zukunftsfähige Geschäftsmodelle und macht Unternehmen attraktiv für Investoren. Doch viele mittelständische Unternehmen unterschätzen das Potenzial der unternehmerischen Selbstheilungschance. Markt- und Prozesswissen sind vorhanden – es fehlt oft nicht an Know-how, sondern am Willen zur Veränderung. Ganz nach dem Motto: Das haben wir immer so gemacht, das wird anders nicht funktionieren. Festgefahrene Strukturen und fehlende Innovationsbereitschaft sind häufig die wahren Krisentreiber.
Was lernen wir daraus? Tun heißt Machen und nicht Warten.

Unser Ansatz bei AUXIL setzt auf die gezielte Verzahnung von strukturellen und kulturellen Wertsteigerungspotenzialen. Denn rein strukturelle Maßnahmen greifen in einem schnelllebigen und volatilen Marktumfeld zu kurz. Wettbewerbsfähigkeit braucht beides: Veränderungsbereitschaft in den Strukturen und kulturelle Befähigung – für mehr Innovationskraft und unternehmerische Unabhängigkeit.

Unsere Konzepte sind daher neben der Fokussierung auf betriebswirtschaftliche Zahlen, Daten und Fakten vor allem darauf ausgerichtet, geeignete Maßnahmen zur Ertragssteigerung so abzuleiten, dass sie umsetzbar, nachvollziehbar und von den jeweiligen Verantwortlichen des Unternehmens mit ausgearbeitet werden und somit eine hohe kulturelle Akzeptanz bei der weiteren Umsetzung erreichen. Wir erstellen ein Konzept nie allein, sondern immer mit den wesentlichen Verantwortlichen in einem Unternehmen. Dann entstehen Umsetzungspower und Verantwortungsbewusstsein.

Restrukturierung muss Spaß machen. Denn wer motiviert und entschlossen handelt, wird sein Unternehmen nicht nur stabilisieren – sondern auch strukturell und kulturell transformieren und neu ausrichten.

Dirk Schlarmann

Dirk Schlarmann: „Tun kommt von Machen! Wir wollen aktiv mit anpacken!“

Kompetenzen für den Wandel

DIE WIRTSCHAFT: Braucht es dafür bestimmte Kompetenzen? 

Dirk Schlarmann: Absolut, ja! Erfolgreiche Transformations- und Restrukturierungsprojekte brauchen beides: ein belastbares Konzept und eine verbindliche und ergebnisorientierte Umsetzung der relevanten Zukunftsthemen.

Vor allem bei der Umsetzung entstehen häufig Probleme, da ausgearbeitete Maßnahmen nach der Fertigstellung eines Konzeptes nicht ausreichend kommuniziert oder deren Implementierung im Unternehmen nicht für alle nachvollziehbar mit Verantwortlichkeiten und Ergebniszielen initialisiert werden. Notwendige Veränderungen in der Unternehmensstruktur bedingen für uns immer auch zwingend die Verzahnung mit den erforderlichen kulturellen Anpassungsbedarfen innerhalb der Organisationsstruktur.

Betroffene zu Beteiligten machen! Nur wenn es gelingt, Lösungsprozesse so zu initialisieren, dass die Relevanz für erforderliche Veränderungen erkannt wird, entsteht eine breite Akzeptanz und Zustimmung für die angestrebte Neuausrichtung und fördert Leistungserbringung und Leistungskultur im Unternehmen.
Unser integriertes AUXIL Transformations- und Restrukturierungskonzept verbindet diese beiden Dimensionen systematisch durch fünf Kompetenzfelder miteinander.

  • TURN: Dieses Kompetenzfeld unterstützt die kurzfristige Stabilisierung der Unternehmenssituation als Basis zur weiteren Chancennutzung.
  • ASSETS: In diesem Kompetenzfeld bewerten wir die Kernkompetenzen eines Unternehmens. Das sind die Assets. Es gilt Produkte, Prozesse, Anlagen, Maschinen, Märkte und sonstige Wettbewerbsvorteile individuell zu bewerten, zu stärken und gezielt zu erweitern.
  • SKILLS: In diesem Kompetenzfeld werden individuelle Fähigkeiten von Belegschaft/Führungskräften gefördert und (weiter-)entwickelt, um vorhandene Assets mit voller Wirkungskraft zu entfalten.
  • DIGIT: Dieses Kompetenzfeld wird immer wichtiger. Die Ausrichtung des Geschäftsmodells bestimmt die Digitalprozesse und gibt den Grad für Prozessautomatisierung/-digitalisierung, den Aufbau von digitalen KPI-Landschaften sowie die Optimierung Ihrer Cybersecurity etc. vor.
  • NEXT: In diesem Kompetenzfeld bewerten wir Marktentwicklungen, um Chancen und Risiken gezielt zu nutzen und strukturelle und kulturelle Potenziale zukunftsfähig zu gestalten.

Zusammenfassend könnte ich sagen: We TURN ASSETS & SKILLS with DIGITal expertise to company’s NEXT level für die schnelle und nachhaltige Wiedererlangung bzw. Festigung der unternehmerischen Unabhängigkeit.

DIE WIRTSCHAFT: Was sind Kernfaktoren einer erfolgreichen Umsetzung? 

Dirk Schlarmann: Wesentlich sind für uns vor allem:

  • Belastbarkeit des zugrunde liegenden Geschäftsmodells
  • Die Klarheit der Maßnahmen und die Akzeptanz im Unternehmen für die Umsetzung
  • Eine gute Kommunikation mit allen wesentlichen Stakeholdern

DIE WIRTSCHAFT: Und dann sind auch die Finanzierungspartner wieder bereit, weiter zu finanzieren? 

Dirk Schlarmann: Grundsätzlich ja. Unsere Konzepte zeigen immer sehr detailliert und transparent auf, wie ein Unternehmen seine Wettbewerbs- und Renditefähigkeit sowie eine nachhaltige Kapitaldienst- und Kapitalmarktfähigkeit wiedererlangt. Neben der Belastbarkeit des zugrunde liegenden Geschäftsmodells ist dies für die Finanzierungspartner die wesentliche Voraussetzung zur weiteren Begleitung.

DIE WIRTSCHAFT: Ist der deutsche Mittelstand ausreichend vorbereitet auf die Veränderungen der Märkte? 

Dirk Schlarmann: Wir brauchen deutlich mehr Geschwindigkeit, weniger politische Regulatorik und vor allem wieder mehr Mut, Fleiß und Disziplin, um zu alter Wirtschaftsstärke zurückzukehren. TUN KOMMT VON MACHEN und nicht von warten. Die deutsche Industrie ist kein Opfer. Wir sind einfach nur zu träge geworden, begnügen uns mit dem vorhandenen Wohlstand und verpassen jegliche Art kontroverser Auseinandersetzung mit der Generation Z und jünger, um die teils viel ausgeprägteren Fähigkeiten dieser Generationen für zukünftigen Wirtschaftserfolg zu nutzen. Das Streben nach weniger Arbeit, mehr Freiheit und Freiraum wird dann ein schnelles Ende finden, wenn der Wohlstand nicht mehr automatisch vorhanden ist. Fleiß, Disziplin und Technologievorsprung haben die Bundesrepublik Deutschland über Jahrzehnte zur größten Exportnation Europas und darüber hinaus werden lassen. Heute hat jede einzelne Krise, egal wo auf diesem Erdball, in irgendeiner Form eine Auswirkung auf unsere Wirtschaft. Polykrisen verstärken diesen Negativeinfluss und fordern deutlich mehr Geschwindigkeit.
Die heute erfolgreichen Unternehmen haben genau das verstanden und sich darauf ausgerichtet und eingelassen.

Weitere Infos unter www.auxil-vi.com oder info@auxil-vi.com

(Eugen Weis)

Bildquellen

  • Dirk Schlarmann im Gespräch mit Eugen Weis: Alex Weis
  • Dirk Schlarmann: Alex Weis
  • Dirk Schlarmann, Gründer und CEO AUXIL: Alex Weis

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