Plötzlich ein Jubiläum …

Die Sicherung der Unternehmensgeschichte ist eine Zukunftsaufgabe

by Diana Pohl
Geordnete Archivmagazine erleichtern das Wiederauffinden

Ein rundes Jubiläum zu feiern ist für viele Unternehmen eine lohnende Angelegenheit. Ob 25, 50 oder 100 Jahre – die Erinnerung bietet viele Möglichkeiten, in der Gegenwart auf sich aufmerksam zu machen und für die Zukunft neue Kunden zu gewinnen.

Manche Unternehmen nutzen auch ungerade Jubiläen, wie z. B. 111 oder auch 60 Jahre. Dafür gibt es keine Regel. Die Auswahl trifft das Unternehmen. Gesichert sollte aber das Gründungsdatum sein – und da fangen die Probleme schon an. Manche Unternehmen sind sehr viel älter, als die Eintragung in die Handwerksrolle oder in das Handelsregister verrät. Bei anderen fand die Gründung nicht an ihrem aktuellen Sitz statt, wiederum andere kennen das Gründungsdatum nur vom „Hörensagen“. Selbst wenn das Datum bekannt ist, bleibt doch vieles im Nebel – so wird über das Weitersagen von vorherigen Generationen manches vergessen oder verklärt dargestellt, wenn negative Ereignisse von guten Entwicklungen überlagert werden. Nicht selten kommt es auch vor, dass Phasen, in denen Frauen Unternehmen geführt haben, schlichtweg in der Erzählung übergangen werden und die nächste männliche Generation herausgestellt wird. Die genaueren Informationen über Produkte, Personal, Bilanzen, Um- und Neubauten, Marketing und Vertriebswege liegen häufig nicht vor oder verbergen sich in Aktenbergen oder Datensammlungen.

Geschichte vermittelt Erfolg, Seriosität und Qualität

Dabei ist die Geschichte von Unternehmen spannend und nicht nur für die eigenen Bedarfe vermittelbar, auch wenn diese im Vordergrund stehen. Mitarbeitende, Kunden und Lieferanten können mit Darstellungen über die Entwicklung des Unternehmens enger gebunden werden, sie identifizieren sich mit der Leistung des Unternehmens und verstehen durch vergangene Leistungen so manche aktuelle Entscheidung. Aber auch das Umfeld, Nachbarn, Politik, Verwaltung und Medien erhalten Erklärungen für unternehmerisches Verhalten durch historische Zusammenhänge. Es lohnt sich daher, in die historische Aufarbeitung zu investieren. Dies kann in Form einer Festschrift, einer Darstellung auf der Internetseite oder in kleinen Geschichten auf den Social-Media-Kanälen erfolgen. Gerne nehmen auch Journalisten in den Lokalredaktionen gute Erzählungen auf. Neben den Grundinformationen über das Unternehmen oder die Produkte ergibt sich auch ein positiver Werbeeffekt. Heutzutage ist es wichtiger denn je, „im Gespräch“ zu bleiben. Und Geschichte vermittelt Erfolg, Seriosität und Qualität.

Für die Erstellung von Unternehmensgeschichten gibt es einen Markt – kommerzielle Unternehmenshistoriker erarbeiten mitunter aufwendig gestaltete Festschriften, Internetseiten oder audiovisuelle Medien wie Videos, Podcasts oder Posts, z. B. auf LinkedIn. Deren Grundlage sind aber Quellen – ohne die wird es schwer, die eigene Leistung und die Entwicklung darzustellen. „Man muss die Zukunft im Sinn haben und die Vergangenheit in den Akten“ – dieses Zitat von Charles Maurice de Talleyrand (1754–1838) ist noch immer ein guter Ansporn, sich um die Informationen zu kümmern, die wichtig sind, um später die Zukunft gestalten zu können. Doch was ist „wichtig“ und was ist „unwichtig“?

Frühzeitig in die Geschichte des Unternehmens investieren

Unternehmerinnen und Unternehmer haben nicht die Zeit, sich alltäglich um die Aufbewahrung relevanter Informationen zu bemühen. Daher lohnt es sich, die Errichtung eines eigenen Archivs ins Auge zu fassen, je nach Umfang auch mit personeller Unterstützung. Dabei sollte die Konzentration dem Erhalt der wesentlichen Unterlagen gelten, analog wie digital. Die analoge Archivierung erscheint relativ einfach im Vergleich mit der dauerhaften Aufbewahrung von digitalen Daten. Wer kennt nicht das Phänomen, dass Links zu Internetseiten nach wenigen Jahren ins Leere laufen oder Dateien nicht mehr lesbar sind, weil inzwischen der Technologiesprung die Migration überholt hat? Zudem erschlägt die schiere Menge – besonders bei Fotos droht das „Ertrinken“ im Überfluss. Auch hier braucht es professionelle Hilfe, denn einfach nichts tun führt zu Verlust. Die spätere Rekonstruktion ist oft nicht möglich und teuer. Es lohnt sich also, frühzeitig in die Geschichte des Unternehmens für die Zukunft zu investieren.

Die Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln berät Unternehmen im Rheinland bei der Sicherung von historischen Unterlagen und sichert von Vernichtung bedrohte Quellen der Wirtschaft. Damit diese auch in Zukunft einen Platz in der Gesellschaft hat.

Gastautor: Dr. Ulrich Soénius,
Direktor Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln

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